08.10.2004 - Functional Food nur eine Werbestrategie?

Functional Food: gesundheitsfördernd oder nur aufgepeppt? Experten-Interview

Cand. oec. troph. Stephanie Schirmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik
Interview mit Cand. oec. troph. Stephanie Schirmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik

Functional Food: Die neue Generation von Lebensmitteln, entwickelt von Ernährungswissenschaftlern und Ernährungsmedizinern, verspricht jede Menge Gesundheit und Wohlbefinden. Wir sprachen darüber mit Cand. oec. troph. Stephanie Schirmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e. V.

Was versteht man unter dem Begriff "funktionelle Lebensmittel"?

Schirmer: Funktionelle Lebensmittel (englisch: functional food) sind Lebensmittel, denen bestimmte Stoffe zugesetzt werden, die dem Produkt einen Zusatznutzen verleihen. Durch diese Zusätze wirken die Lebensmittel über den reinen Ernährungswert hinaus gesundheitsfördernd. Funktionelle Lebensmittel können vorbeugend gegen verschiedene Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Störungen, Krebs oder Magen-Darm-Erkrankungen wirken. Ebenso sollen sie die Regulierung von Körpergewicht und Blutzuckerspiegel unterstützen, die Blutfettwerte normalisieren und die Verdauung fördern. Kurz gesagt, tragen sie dazu bei, unsere Gesundheit optimal zu erhalten oder wieder herzustellen.

Um welche Zusatzstoffe handelt es sich dabei?

Die wohl bekannteste Zusatzart sind die in Joghurts, Brottrunk und anderen fermentierten Lebensmitteln enthaltenen Probiotika. Hierbei handelt es sich um lebende Mikroorganismen, in der Regel Bakterien, die sich im Dichdarm ansiedeln und beispielsweise Durchfälle vermeiden können. Prebiotika, die ebenfalls Joghurts und anderen Milchprodukten zugesetzt werden, sind Ballaststoffe aus speziellen Pflanzenfasern, die als Nahrung für Mikroorganismen dienen und damit ihre Ansiedlung im Magen-Darm-Trakt fördern. Prebiotika sorgen für die Stärkung des Immunsystems und können den Cholesterinspiegel senken. Zur Vorbeugung von Herz- und Kreislauferkrankungen werden verschiedenen Margarinesorten Phytosterine zugesetzt. Omega-3-Fettsäuren in Getreideerzeugnissen schützen vor Herz- und Kreislauferkrankungen. Besonders beliebt sind Lebensmittelzusätze wie Vitamine und Mineralstoffe, die vorzugsweise Getränken, Tiefkühlgemüse oder Frühstückscerealien zugesetzt werden.

Aber auch zahlreiche Süßigkeiten wie Bonbons oder Kinderschokolade werden durch Vitamine aufgepeppt. Die berühmten isotonischen Sportgetränke sind besonders unter Sportlern beliebt. Isoton bedeutet, dass in der Flüssigkeit genauso viele Teilchen gelöst sind, wie im Blut. Dadurch soll das Getränk besonders schnell den Magen und Darm passieren und in die Blutbahn übergehen. Die Zugabe von Koffein und Taurin verleiht den Energy-Drinks ihre anregende Wirkung.

Schmecken funktionelle Lebensmittel genauso wie konventionelle Lebensmittel?

Meistens ist zwischen funktionellen und konventionellen Lebensmitteln geschmacklich kein Unterschied festzustellen. Zusätzliche Vitamine oder Fettsäuren schmeckt man nicht. Anders ist es allerdings bei probiotischen Milchprodukten. Einen mit Mikroorganismen angereicherten Joghurt oder Drink erkennt man an seinem speziellen Geschmack.

Sind diese gesundheitsförderlichen Eigenschaften der Produkte wissenschaftlich nachgewiesen, oder ist functional food nur eine Werbestrategie?

Bei der Diskussion um die gesundheitsfördernden Eigenschaften dieser Lebensmittel gehen die Meinungen der Ernährungswissenschaftlern auseinander. Studien belegen, dass funktionelle Lebensmittel einen positiven Einfluss auf eine oder mehrere Funktionen des Körpers haben. Sie können ein neues Potential zur Gesundheitsvorsorge bieten. Menschen, die keinen Fisch mögen, müssen nicht auf die triglyzeridsenkenden Omega-3-Fettsäuren verzichten. Mittlerweile gibt es die Möglichkeit, diese hochwertigen Fettsäuren auch aus Brot und anderen Getreideerzeugnissen zu beziehen.

Die Bedeutung der Omega-3-Fettsäuren für Herz- und Kreislauf sowie seine LDL-Cholesterin und Triglyzeride senkende Eigenschaft ist wissenschaftlich nachgewiesen. Es gibt keinerlei Gründe, die dafür sprechen, dass diese Fettsäure nur aus Fischöl oder hochkonzentrierten Omega-3-Fettsäure-Kapseln wirksam sei, wie häufig behauptet wird. Omega-3-Fettsäuren, die den Lebensmitteln zugesetzt werden, liegen zwar nicht in so hoher Konzentration wie in Kapseln oder im Fisch vor, allerdings ist es besser, sie auf diese Weise zu konsumieren, als gar nicht.

Gegner der funktionellen Lebensmittel meinen, dass Vitamin-Zusätze in Lebensmitteln (zum Beispiel im ACE-Saft oder in Bonbons) schaden können. So wird behauptet, dass die Dosis an den zugeführten Vitaminen zu hoch sei, wenn man diese Produkte regelmäßig verzehrt. Aus ernährungsmedizinischer Sicht ist es jedoch völlig unbedenklich, diese Lebensmittel zu konsumieren. Überschüssige wasserlösliche Vitamine werden vom Körper ausgeschieden, so dass eine Überdosierung mit wasserlöslichen Vitaminen durch den Konsum vitaminangereicherter Lebensmittel (selbst in großen Mengen) auszuschließen ist. Auch sind die zugesetzten Mengen so gering, dass eine Gefahr ausgeschlossen ist. In Bezug auf die Probiotika konnten klinische Studien zeigen, dass zahlreiche probiotische Mikroorganismen die Fähigkeit besitzen, Schwere und Dauer bestimmter Durchfallerkrankungen günstig zu beeinflussen.

In einigen Fällen konnte auch eine prophylaktische Wirkung auf gesunde Versuchspersonen gezeigt werden. Allerdings hat jeder Mensch eine individuelle und äußerst komplexe Darmflora, so dass jeder unterschiedlich auf diese Stoffe reagiert. Die Behauptung, functional food sei nur eine neue Strategie der Werbemacher, ist nicht tragbar, denn die Produkte müssen den versprochenen Zusatznutzen haben, sonst dürften sie nicht vermarktet werden!

Gibt es spezielle gesetzliche Regelungen dafür, dass die Produkte den entsprechenden Nutzen, den die Werbung verspricht, tatsächlich nachweisen müssen?

Bisher gibt es in Deutschland wie in den anderen europäischen Ländern keine gesetzlichen Regelungen speziell für functional food, in Deutschland gilt vorläufig vor allem das Lebensmittel- und Bedarfsgegenstände-Gesetz (LMBG). Nach dem deutschen Recht dürfen Lebensmittel, also auch funktionelle Lebensmittel, nicht mit krankheitsbezogenen Aussagen beworben werden. Die Hersteller müssen sich daher bislang auf allgemein gesundheitsbezogene Aussagen beschränken, wie zum Beispiel "fördert das Wohlbefinden" oder "unterstützt die Verdauung".

Dies ist auch der Grund für die stets vagen Aussagen auf den Produkten, die sich stark ähneln. Gerade weil funktionelle Lebensmittel eine derart wichtige Rolle spielen können, ist es unbedingt notwendig, dass die Hersteller die Produkte nur mit solchen Aussagen bewerben, die auch wissenschaftlich belegt sind. Deshalb erarbeiten der FAO/WHO Codex Alimentarius der Vereinten Nationen, der Europarat und auch nationale Behörden derzeit Grundlagen für eine Regelung, die sicherstellen soll, dass nur mit ernährungswissenschaftlich begründeten und vertretbaren Aussagen geworben werden darf.

Gehen dennoch Gefahren von "functional food" aus?

Schirmer: Grundsätzlich gehen von keinem Lebensmittel Gefahren aus, weil es sonst nicht "verkehrsfähig" wäre! Funktionelle Lebensmittel werden, genau wie andere Lebensmittel auch, auf ihre Sicherheit und Qualität geprüft und genauestens kontrolliert.

Bieten funktionelle Lebensmittel abschließend nun einen Vorteil gegenüber konventionellen Lebensmitteln oder sind sie eher überflüssig?

Schirmer: Vielfach wird behauptet, dass Lebensmittel mit funktionellem Zusatz nicht gesünder als herkömmliche Produkte, dafür lediglich teurer seien, so dass sich ein Kauf nicht lohne. Tatsache ist aber, dass den funktionellen Lebensmitteln aufgrund ihrer besonderen Inhaltsstoffe neben dem Nähr- und Genusswert ein zusätzlicher Wert zukommt!

Letztendlich sollte jeder selbst entscheiden, ob für ihn ein solcher Zusatznutzen von Bedeutung ist. Wieso sollte jemand, der wenig Milchprodukte verzehrt, nicht calciumangereicherte Getränke konsumieren, um den Calciumbedarf zu decken? Aus welchen Gründen sollte jemand, der wenig Obst und Gemüse isst, nicht die notwendigen Vitamine über ACE-Getränke beziehen? Allerdings sollte an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass bei dem Konsum von functional Food nicht das Bewusstsein für die Bedeutung einer gesunden Ernährung verloren gehen sollte: Es handelt sich bei den Produkten nicht um Wundermittel, die zur Lösung aller unserer Gesundheitsprobleme dienen, sondern um eine zusätzliche Möglichkeit, in Verbindung mit einer ausgewogenen Ernährung und entsprechender Bewegung, etwas für unsere Gesundheit zu tun.

© Medizinische Enzyklopädie 2010