Mittlerweile sind sie in aller Munde und in jedem Supermarkt erhältlich: Funktionelle Lebensmittel oder auch "functional food" genannt. Die neue Generation von Lebensmitteln, entwickelt von Ernährungswissenschaftlern und Ernährungsmedizinern, verspricht jede Menge Gesundheit und Wohlbefinden. Die Werbung behauptet, dass diese Lebensmittel die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sowie das seelische Wohlbefinden beeinflussen.
Slogans wie "bringt die Darmflora ins Gleichgewicht", "senken das LDL-Cholesterin", "ein täglicher Beitrag für ihre Gesundheit", "stärken Sie Ihre körpereigenen Abwehrkräfte" suggerieren dem Verbraucher einen besonderen Gesundheitswert. Inzwischen gibt es diese Produkte in großer Vielfalt und in praktisch allen Sortimentsbereichen. Sie sind gewöhnliche Lebensmittel, die jedoch durch den Zusatz spezieller Stoffe über den reinen Nährwert hinaus gesundheitsfördernd wirken, was wissenschaftlich abgesichert sein muss. So werden den Lebensmitteln Probiotika (in der Regel Milchsäurebakterien), Prebiotika (Ballaststoffe), Fettsäuren, Vitamine, Pflanzenzusätze, wie Phytosterole, Ballaststoffe oder anregende Substanzen zugesetzt, um das Produkt in seiner gesundheitsfördernden Wirksamkeit zu unterstützen oder um es überhaupt erst zu einem gesundheitsförderlichen Lebensmittel zu machen.
28.04.2005 - Functional Food: Medikamente in Lebensmitteln?
Die neue Generation der funktionellen Lebensmittel
Das wohl bekannteste probiotische Lebensmittel ist der "LC1" Joghurt von Nestlé. Eines der ältesten funktionellen Lebensmittel ist wohl Brottrunk, der spezielle Milchsäurebakterien enthält und die Darmflora optimiert. Die in "LC1" oder "Kanne Brottrunk" enthaltenen Probiotika sind Bakterien, die widerstandsfähiger gegen Verdauungssäfte sind als die zur Herstellung herkömmlicher Sauermilchprodukte beziehungsweise fermentierter Milchprodukte eingesetzten Milchsäurebakterien. Sie gelangen in größerer Zahl in den Dickdarm, wo sie die Darmflora und dadurch das Immunsystem beeinflussen können. Diese Probiotika finden sich nicht nur in Joghurts, sondern auch in anderen fermentierten Milcherzeugnissen wie speziellen Milchdrinks.
Prebiotika, die ebenfalls Milchprodukten, aber auch Getränken zugesetzt werden, sind Ballaststoffe aus speziellen Pflanzenfasern, die die Darmflora verbessern und das Immunsytem stärken sowie den Cholesterinspiegel senken. Phytosterine, die in ihrem Aufbau dem Cholesterin ähneln, beugen Herz- und Kreislauferkrankungen vor. Sie findet man in speziellen Diätmargarinen (zum Beispiel "Becel Pro Aktiv") oder Milchprodukten (zum Beispiel Emmi benecol).
Immer häufiger entdeckt man im Supermarkt oder beim Bäcker Omega-3-Brot: Gewöhnlichem Sauerteig- oder Vollkornbrot werden Omega-3-Fettsäuren hinzugefügt, die den LDL-Cholesterinspiegel senken. Sekundäre Pflanzenstoffe in Getränken und Tiefkühlkost wirken je nach Stoff unterschiedlich, teilweise auch als Antioxidantien. Durch Zugabe von Vitaminen entstehen die bekannten ACE-Säfte, während Koffein und Taurin in Energy-Drinks und Sportgetränken die Leistungsfähigkeit unterstützen sollen. Immer häufiger werden Lebensmitteln Substanzen zugesetzt, um es zu einem "gesunden" Produkt zu machen.
Man findet immer weniger Produkte, die nicht funktionell verändert wurden. Morgens beim Frühstück fängt es schon an: Die beliebten Frühstückscerealien, die vor allem mit Vitaminen und Mineralstoffen wie Eisen oder Calcium angereichert werden, dazu Kakao aus Milch und kakaohaltigem Getränkepulver, das ebenfalls gesundheitsfördernde Zusätze beinhaltet und vielleicht noch ein Glas ACE-Saft. Kinderriegel, milchige Schnitten, fruchtige Zwerge und andere Süßigkeiten schmecken nicht nur Kindern, sondern sind auch bei Erwachsenen, als Snack für zwischendurch, beliebt.
Ein Gang zwischen den Supermarktregalen hindurch zeigt es: Kaum noch findet man ein Getränk wie Limonade oder Fruchtsaft, das nicht durch den Zusatz von Vitaminen aufgepeppt wurde. Ebenso machen Käseaufstriche mit pflanzlichen Sterolen, Omega-3-Brot und -Eier, durch sekundäre Pflanzenstoffe angereichertes Tiefkühlgemüse, probiotische Joghurts für zwischendurch und Margarine mit Phytosterinen den Functional-Food-Speiseplan komplett. Doch wirken diese Lebensmittel wirklich so wie die Werbung es verspricht, können sie tatsächlich vor Krankheiten schützen und sollte man sie in den täglichen Speiseplan aufnehmen? Ernährungswissenschaftler sind in Bezug auf funktionelle Lebensmittel geteilter Meinung. Es besteht keine Gefahr durch den Konsum dieser Lebensmittel, denn sonst dürften sie nicht auf den Markt gebracht werden. Ob die Produkte jedoch die in der Werbung gepriesenen krankheitsvorbeugenden Eigenschaften enthalten, ist fraglich.
Tatsache ist, dass sie einen positiven Einfluss auf eine oder mehrere Grundfunktionen des Körpers haben. Die Wirkung tritt auf, wenn die Produkte in ganz normalen Mengen in den Speiseplan integriert werden. Viele funktionelle Lebensmittel müssten allerdings täglich verzehrt werden, da sie sonst keine Wirkung zeigen würden, dies gilt zum Beispiel für probiotische Joghurts oder Brottrunk. Diese müsste man, nach Meinung einiger Ernährungswissenschaftler, jeden Tag bis ans Lebensende essen oder trinken, damit der Nutzen tatsächlich eintritt. Dagegen können andere Zusätze in Lebensmitteln wie Mineralstoffe, Vitamine oder sekundäre Pflanzenstoffe einen positiven Beitrag für die Gesundheit und zur Vorbeugung verschiedener Krankheiten haben. So kann ein mit Calcium angereichertes Mischgetränk für Menschen, die wenig Milchprodukte verzehren, äußerst sinnvoll sein um Osteoporose vorzubeugen.
Auch wer keinen Fisch mag, kann die darin enthaltenen triglyzeridsenkenden Omega-3-Fettsäuren mittlerweile über Brot oder andere mit dieser Fettsäure angereicherten Lebensmittel beziehen. Gerade weil funktionelle Lebensmittel eine derart wichtige Rolle spielen können, ist es unbedingt notwendig dass die Hersteller der Produkte diese nur mit Aussagen bewerben, die auch wissenschaftlich belegt sind. Es sollte deutlich gezeigt werden, dass physiologisch erwünschte Effekte, wie beispielsweise die Senkung des Blutdrucks oder die Beeinflussung des Cholesterins bei normalem Verzehr der entsprechenden Lebensmittel messbar sind. Bei den meisten der funktionellen Lebensmittel bestätigt die Ernährungswissenschaft zwar den gesundheitlichen Nutzen der zugefügten Wirkstoffe.
Allerdings sind sich Ernährungsforscher bisher nicht ganz einig, ob diese Wirkung weiter besteht, wenn der Inhaltsstoff aus der Pflanze oder dem Fleisch isoliert wurde und einem Nahrungsmittel zugesetzt wurde, in dem er einen Fremdkörper darstellt. Manche Ernährungswissenschaftler konnten nachweisen, dass der Nutzen nur eintritt, wenn der Mensch die Bestandteile mitsamt ihrer natürlichen Umgebung zu sich nimmt. Allerdings gibt es dafür noch keine genaueren wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Tatsache, dass es über die Wirkung der funktionellen Lebensmittel so wenig Untersuchungen gibt, bestätigt, dass weiterer Forschungsbedarf zu diesem Thema besteht.
Aus ernährungsmedizinischer Sicht können funktionelle Lebensmittel jedoch ohne Bedenken verzehrt werden. Ihr Konsum birgt, im Gegensatz mancher Behauptungen der Verbraucherzentralen, keinerlei Gefahr. Gesunde Menschen können funktionelle Lebensmittel im Rahmen einer ausgewogenen Mischkost in üblichen Portionen verzehren, ohne irgendwelche gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu riskieren. Im Gegenteil: Viele funktionelle Lebensmittel haben tatsächlich gesundheitlichen Nutzen.
© Medizinische Enzyklopädie 2010
