Pilzsammler werden wie jedes Jahr wieder eindringlich vor dem lebensgefährlichen Knollenblätterpilz gewarnt. Er ist dieses Jahr aufgrund der feuchten Witterung besonders zahlreich. Pilze sollten entweder vor dem Verzehr von einem Pilzsachverständigen bestimmt werden oder man sollte ganz auf den Verzehr verzichten, um sich nicht in Gefahr zu bringen, raten die Giftnotrufzentralen.
Bei Pilzvergiftungen hat man es mit einem irreführenden Phänomen zu tun: Je gefährlicher ein Giftpilz ist, desto länger kann die Latenzzeit (die Zeit, bis sich erste Krankheitssymptome zeigen) dauern. Treten 15 bis 60 Minuten nach einer Pilzmahlzeit Symptome wie Erbrechen oder Magenschmerzen auf, handelt es sich oft um eine Unverträglichkeit oder eine leichte Vergiftung. Dramatischer sind häufig die Vergiftungen, bei denen sich die Symptome erst nach 6 Stunden oder auch später einstellen. Ein tödlicher Ausgang ist bei rechtzeitiger Behandlung selten, aber immer noch möglich.
Als Arzt sollte man deshalb bei Verdacht auf Pilzvergiftung nicht nur die Frage nach der Pilzart stellen. Neben Zeitpunkt und Menge ist auch die Anzahl der Pilzmahlzeiten wichtig. Wenn die Beschwerden scheinbar kurz nach der letzten Pilzmahlzeit, streng genommen aber sechs oder mehr Stunden nach der ersten Pilzmahlzeit auftreten, könnte es sich um eine schwerwiegende Vergiftung handeln. In jedem Fall sollte man bei Verdacht auf Pilzvergiftung bei einer Giftnotrufzentrale anrufen.
Je nach Pilzart können folgende Symptome auftreten. Ein wichtiges Unterscheidungskriterium ist die Dauer der Latenzzeit.
1.Kurze Latenzen:
1.1.Nicht durch Pilzgifte verursacht:
Pilz-Allergie: (bei jedem Pilz möglich) Latenz 15 Min. bis 4 Std. Symptome: Erbrechen, Durchfall, Magenschmerzen, evtl. Asthmatische Beschwerden oder Blutdruckabfall.
Pilz-Unverträglichkeit: Latenz bis zu 4 Std. (meist bei ungenügenden Kochzeiten oder zu großen Essmengen). Symptome: Gastrointestinale Beschwerden.
Lebensmittelvergiftung: Verursacht durch unsachgemäße Lagerung bei leicht verderblichen Pilzen. Symptome: Erbrechen und Durchfall
1.2. Pilzvergiftung mit kurzer Latenz
Pilz-Muscarin-Syndrom: Latenz 15 Min. bis 2 Std. Verursacht durch Risspilze und Trichterlinge, die das Nervengift Muscarin enthalten. Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch, Speichelfluss, Sehstörungen. Dauer bis zu 24 Std. Ohne ärztliche Behandlung besteht u.U. Lebensgefahr
Paxillus-Syndrom: Latenz 1 bis 2 Std. Verursacht durch Kremplingsarten. Symptome: Gastrointestinale Beschwerden, nach mehreren Pilzmahlzeiten kann als Komplikation eine Hämolyse entstehen.
Coprinus-Syndrom: Unverträglichkeit der Pilze in Zusammenhang mit Alkohol, auch wenn der Alkoholgenuss 2 bis 3 Tage nach der Pilzmahlzeit erfolgt. Verursacht durch Tintlinge (z.B. Faltentintling). Die Symptome beginnen 20 Min. bis 2 Std. nach Alkoholgenuss: Rötung und Schwellungsgefühl im Gesicht, Schwindel Übelkeit, Kribbelgefühl in den Extremitäten, Erbrechen evtl. Tachycardie.
1.3. Pilzvergiftung mit ZNS-Symptomatik
Fliegenpilz-Pantherpilz-Syndrom: Latenz 30 Min bis 3 Std. Symptome: Sehstörungen, motorische Unruhe, evtl. Krampfanfälle, Halluzinationen, Atemnot, Panikattacken, Verwirrtheit. Dauer der Beschwerden 10 bis 48 Std.
Psilocybin-Syndrom: Verursacht durch Drogen-Pilz-Abusus (z.B. Spitzkegeliger Kahlkopf ). Symptome nach 30 bis 60 Min.: Halluzinationen, Tachycardie, weite Pupillen, evtl. Panikattacken.
2. Pilzvergiftung mit langer Latenz (über 6 Std.)
Amatoxin-Syndrom: Latenz ca. 6 bis 12 Std. Verursacht durch Knollenblätterpilze. Symptome: wiederholtes Erbrechen und anhaltende Diarrhoe für 6 bis 9 Std. Nach trügerischer Besserung zunehmender Leberschaden und Anstieg der Transaminasen. Im Stadium des Leberzerfalls von Verwirrtheit und Gerinnungsstörungen begleitet. Im Stadium des Leberkoma tritt der Tod nach 6 bis 10 Tagen ein.
Gyromitra-Syndrom: Latenz 6 bis 24, manchmal 50 Std. Verursacht u.a. durch den Frühjahrslorchel. Symptome: Plötzlich auftretende krampfartige Blähungen und Erbrechen, nach 24 Std. Anstieg der Leberenzyme, als Komplikation Hämolyse
Orellanus-Syndrom: Latenz 36 Std. bis 14 Tage. Verursacht durch den Orange-füchsigen oder Spitzbuckligen Rauhkopf (ähnelt dem Pfifferling). Symptome: zunächst Übelkeit und Erbrechen, dann Nierenschmerzen, Übelkeit, brennender Durst, Anurie oder Polyurie. Nach 2 bis 17 Tagen setzt eine schwere Nierenschädigung ein...
© Medizinische Enzyklopädie 2010

