Die letzten Jahre sind durch eine Zunahme lebensmittelbedingter Infektionen in den Industrienationen geprägt. Bedingt sind diese Infektionen zum einen durch neue, bisher nicht bekannte Erreger und zum anderen durch das Wiederauftreten von Infektionen, die bis vor kurzem eingedämmt waren. Einige Ursachen hierfür sind die Massentierhaltung, der Import von Gemüse und Obst aus Ländern der Dritten Welt, der Verzehr von nicht-ausreichend gegarten Speisen sowie neue technische Verfahrensweisen zur Produktion von Lebensmitteln.
Als weitere Ursache muss auch die nicht-artgerechte Verfütterung von tierischem Eiweiß angesehen werden, die als Ursache für das Auftreten der bovinen spongiformen Enzephalitis (BSE) vermutet wird. Auch der zunehmende Fernreisetourismus ist mit einem Risiko für lebensmittelbedingte Infektionen verbunden, da die hygienischen Bedingungen in vielen Urlaubsländern trotz "5-Sterne-Hotels" nicht den Standards entsprechen.
24.10.2006 - Lebensmittelbedingte Infektionen
Vom tropischen Anbaugebiet frisch auf die Ladentheke - Foodborne Diseases
Beispielsweise erkranken in den USA jedes Jahr 6 bis 80 Millionen Menschen an lebensmittelbedingten Infektionen, von denen etwa 9.000 tödlich verlaufen. Die durch diese Infektionen entstehenden Kosten für das Gesundheitswesen belaufen sich in den USA auf jährlich etwa 5 Milliarden EURO. Neben der akuten Gastroenteritis verursachen manche durch Lebensmittel übertragene Erreger auch chronische Erkrankungen oder Folgeschäden, die Kosten in Höhe von mehreren Milliarden EURO bedingen.
Beispielsweise führt die Listeriose zum Abort oder Meningitis und die Toxoplasmose zur kongenitalen Schädigung. Escherichia (E.) coli O157:H7 verursacht das hämolytisch-urämische Syndrom, eine häufige Ursache des akuten Nierenversagens insbesondere bei Kindern. Reaktive Arthritiden werden durch mehrere Erreger lebensmittelbedingter Infektionen, wie Salmonellen, Shigellen, Campylobacter oder Yersinien verursacht. Salmonellen sind die bedeutsamsten Erreger von Durchfallerkrankungen.
Neben den in Deutschland endemisch auftretenden Salmonellosen spielen heute, bedingt durch die Zunahme des Reiseverkehrs, auch importierte Erkrankungen eine wichtige Rolle. In vielen Industrieländern wurde in den letzten Jahre eine starke Zunahme von Infektionen durch Salmonellen beobachtet. Epidemiologisch spielt vor allem der Serovar Enteritidis mit einem Anteil von etwa 55% die wichtigste Rolle. Der Serovar Enteritidis wird hauptsächlich durch Hühnereier oder aus diesen hergestellten Produkten übertragen wird.
Typische Infektionsquellen sind Milchspeiseeis (Vanilleeis), Geflügel, Fleisch und Wurstwaren. Auch haben Infektionen durch den Salmonella Serovar Typhimurium zugenommen und machen inzwischen etwa 25% der gemeldeten Infektionen aus.
Eine zunehmende Gefährdung geht von dem in weiten Teilen Europas bereits endemisch auftretenden multiresistenten Lysotyp des Serovars Typhimurium, bezeichnet als "DT 104", aus. Dieser Lysotyp wird durch Rinderfleisch und Geflügel übertragen.
Erst seit dem Ende der 70er Jahre wurde Campylobacter (C.) jejuni als ein häufiger Erreger von lebensmittelbedingten Infektionen identifiziert. In Deutschland stehen Campylobacter-Infektionen derzeit an der zweiten Stelle der bakteriell-bedingten Gastroenteriden. Für das Auftreten von Infektionen spielt die unsachgemäße Verarbeitung von Geflügel die Hauptrolle. Von der Infektion sind besonders junge Männer betroffen, was auf eine mangelnde Küchenhygiene hinweist.
Auch durch nicht-pasteurisierte Rohmilch wurden in Deutschland wiederholt epidemische Infektionen dokumentiert. Nach einer C. jejuni-Infektion kann es zur reaktiven Arthritis oder auch zum Guillain-Barré-Syndrom kommen. In den letzten Jahren zeigte sich, dass Campylobacter-Spezies zunehmend gegen Fluorochinolone resistent werden. Der Hauptgrund hierfür liegt sicherlich in der weit verbreiteten Anwendung von Chinolonen in der Tierzucht.
Der E. coli-Seroytp O157:H7 verursacht neben der hämorrhagischen Kolitis ein weiteres schweres Krankheitsbild, das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). In den USA ist HUS die häufigste Ursache für das akute Nierenversagen bei Kindern.
Auch in Deutschland kam es in den letzten Jahren wiederholt zum Auftreten von HUS bei Kindern, wobei sich die Ursache nicht immer klären ließ. Das HUS verläuft in etwa 3 bis 5% tödlich und 12% der Erkrankten haben bleibende Schädigungen mit terminalem Nierenversagen, Hypertonus und neurologischen Defiziten. Als Infektionsquellen wurden u. a. Hackfleisch, Teewurst, Blattsalat, Apfelmost, Rohmilch und unbehandeltes Wasser nachgewiesen.
Cyclospora cayetanensis, ein zu den Protozoen gerechnetes Pathogen, gilt als ein neuer Erreger lebensmittelbedingter Infektionen. Durch schlechte hygienische Bedingungen, die für Erntearbeiter in Ländern der Dritten Welt herrschen, kommt es zur direkten oder indirekten fäkalen Kontamination von Obst oder Gemüse. Werden diese Lebensmittel vor dem Genuss nicht ausreichend gewaschen, was insbesondere bei Himbeeren, Erdbeeren und Heidelbeeren ein Problem darstellt, können Erreger aus den tropischen Anbaugebieten so auch hierzulande Infektionen verursachen. Da die Verbraucher in den Industrieländern inzwischen Obst auch in den Monaten fordern, in denen die jeweiligen Früchte in heimischen Gärten nicht wachsen, ist mit einer Zunahme von Cyclospora-Infektionen sicherlich weiterhin zu rechnen.
Durch das geänderte Verbraucherverhalten werden wir in den nächsten Jahren einen Anstieg lebensmittelbedingter Infektion erleben. So muss Gemüse und Obst frisch, ganzjährig verfügbar und billig sein. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Kosten in den Herkunftsländern niedrig gehalten werden, was sicherlich nicht zu einer verbesserten Hygiene bei den Erntearbeitern führt. Durch den Fernreisetourismus werden zunehmend auch lebensmittelbedingte Infektionen importiert, wobei die erkrankten Urlaubsrückkehrer zur Quelle für Sekundärinfektionen werden können.
Der Hausarzt, der mit dem Krankheitsbild einer Diarrhoe konfrontiert ist, muss hinsichtlich der ätiologischen Abklärung auch diese Gruppe von Infektionen differentialdiagnostisch berücksichtigen. Für die meisten lebensmittelbedingten Infektionen stehen keine Impfstoffe zur Verfügung. Da diese Infektionen zu Folgeerkrankungen führen können, sollte der Prävention und der gezielten Diagnostik vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden (Prof. Dr. Tino F. Schwarz, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
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