14.09.2004 - Binge-Eating: Fress-Anfälle bis der Kühlschrank leer ist

Binge-Eating-Erkrankung: 2% der Bevölkerung leiden unter der Binge Eating Störung mit Heißhungerattacken

Stephanie Schirmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin cand. oec. troph.
cand. oec. troph. Stephanie Schirmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesellschaft für Ernährungsmedizin

Die Binge-Eating-Erkrankung (BES: Disorder = Störung) ist ein relativ neuer Krankheitsbegriff, der erstmals 1959 in den USA geprägt wurde, den es aber erst seit 1994 als eigenständige Diagnose gibt. Die BES betrifft etwa 2% der Bevölkerung in Deutschland und ist damit die häufigste Essstörung. Wir sprachen darüber mit cand. oec. troph Stephanie Schirmer.

Was ist eine Binge Eating Störung und wodurch ist sie gekennzeichnet?

"To binge" kommt aus dem Amerikanischen und heißt übersetzt "ein Fressgelage abhalten". In der englischen Sprache wird der Begriff "Binge" im Zusammenhang mit exzessivem Trinken gebraucht. Binge-Eating kann also soviel wie "Essen wie ein Besäufnis" bedeuten, was bereits die Nähe dieser Essstörung zu den Suchterkrankungen andeutet.

Ein Alkoholiker fällt der Umwelt allerdings bald durch die Alkoholfahne auf, der "Heißhungeresser" kann seine Sucht dagegen meist besser verstecken. Das wesentliche Kennzeichen der BES ist das wiederholte Auftreten von Heißhungerattacken beziehungsweise "Fressanfällen" ohne regelmäßig angewandte Maßnahmen, die einer Gewichtszunahme entgegen wirken sollen. Darin unterscheidet sich BES von der Bulimie. Häufig leiden die Betroffenen auch an Übergewicht.

Wann kann man von einem Fressanfall sprechen, welche Lebensmittelmengen werden dabei aufgenommen?

Wenn in einem bestimmten Zeitraum (innerhalb von Minuten bis zwei Stunden) ungewöhnlich große Mengen an Nahrungsmitteln konsumiert werden, die wesentlich größer sind, als die meisten Menschen in diesem Zeitraum essen würden, und es zu einem Kontrollverlust über das Essen kommt, z.B. zu dem Gefühl, dass man nicht mehr aufhören kann zu essen, spricht man von einem Fressanfall. Während eines solchen Anfalls werden häufig Nahrungsmittel verschlungen, die viele Kohlenhydrate und Fette enthalten, wie Schokolade, Pudding, Kuchen oder Pizza. Manche BES-Patienten sitzen so lange vor dem Kühlschrank oder dem Vorratsraum, bis er leer ist.

Wann liegt eine Binge Eating Störung vor bzw. durch welche Merkmale erkennt man, dass jemand von der Krankheit betroffen ist?

Eine BES liegt vor, wenn die "Fressanfälle" mindestens zweimal pro Woche auftreten und dies über einen Zeitraum von sechs Monaten. Binge Eater fallen durch ihr schnelles Essen und Hinunterschlingen der Nahrungsmittel auf. Sie essen solange weiter, bis sie ein unangenehmes Völlegefühl oder Übelkeit verspüren. Darüber hinaus werden bei einer BES auch große Nahrungsmengen verschlungen obwohl man nicht hungrig ist. Die Nahrungsaufnahme dient dann sozusagen zur Befriedigung von Angstgefühlen oder Frustration oder einfach zur Bekämpfung der Langeweile. Man zieht sich zurück und isst alleine, aus Verlegenheit über die Menge, die man zu sich nimmt. Wenn sich Ekelgefühle gegenüber sich selbst einstellen und man Depressionen oder große Schuldgefühle wegen der Fressanfälle bekommt, sind dies starke Anzeichen für eine BES.

Welche Personengruppen sind von der Essstörung betroffen und wie häufig ist diese Krankheit verbreitet?

Etwa 2% der Bevölkerung leidet unter der Binge Eating Störung. Von adipösen Menschen ( BMI > 30) sind etwa 4 bis 9% von der Bing Eating Störung betroffen. Aber nicht nur übergewichtige Menschen sondern auch Normalgewichtige können unter der Essstörung leiden. Menschen, die sich unabhängig von ihrem Gewicht übergewichtig und nicht wohl in ihrem Körper fühlen und in der Vergangenheit bereits mehrere Diätversuche gemacht haben, sind dafür gefährdet an BES zu erkranken. Häufig tritt die Krankheit, deren Auftreten bei Frauen 1,5 mal wahrscheinlicher ist als bei Männern, im frühen Erwachsenenalter auf. Im Verhältnis zur Magersucht oder Bulimie sind von der BES auch viele Männer betroffen, immerhin sind zwei von fünf BES-Patienten Männer.

Durch welche Merkmale unterscheidet sich BES von anderen Essstörungen wie Adipositas oder Bulimie?

Das Essverhalten eines BES-Patienten unterscheidet sich von einem typischen Übergewichtigen darin, dass die für die BES typischen Heißhungerattacken  mit dem Verlust von Selbstkontrolle bei nicht essgestörten Übergewichtigen nicht vorkommen. Typische Übergewichtige essen ständig zu viel. Die Fressanfälle mit den anschließend folgenden Schuldgefühlen sind auch für Bulimie charakteristisch. Im Gegensatz zu dieser Ess-Brech-Sucht, bei der versucht wird die aufgenommene Nahrungsmenge durch selbst ausgelöstes Erbrechen, Fasten oder durch Missbrauch von Laxantien oder Diuretika nicht zur Gewichtszunahme führen zu lassen, werden bei der BES keine Maßnahmen zur Gewichtsreduktion unternommen.

Welche Ursachen gibt es für die BES?

Meist ist ein mangelndes Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, teilweise hervorgerufen durch das Schlankheitsideal in den Medien, mitverantwortlich für das Entstehen einer BES. Patienten berichten häufig, dass die Essattacken auftreten, wenn sie seelische Probleme, z. B. Kummer haben oder einsam sind. Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten sind manchmal unfähig, Hunger von anderen Zuständen des Unbehagens zu unterscheiden oder Hunger und Sattsein zu erkennen. Das Essen dient als Symbol für Liebe und Geborgenheit, nach der sich die Patienten sehnen, aber nicht bekommen. Das essen dient sozusagen als Liebesersatz oder Trostpflaster. Häufige Diätversuche und Stress sind ebenfalls Auslöser der Essstörung.

Zu welchen Folgen kann es bei BES kommen, welche Komplikationen treten auf?

Zucker und Fett enthalten, aber wenig Vitamine und Spurenelemente, kann es langfristig zu Mangelerscheinungen kommen. Übergewichtige Binge-Eater stehen unter einem erhöhten Risiko Dadurch, dass bei den Essattacken häufig Nahrungsmittel verschlungen werden, die viel, langfristig an bestimmten Krankheiten wie Diabetes, erhöhten Werten für Blutdruck und Cholesterin, Gallenblasen und Herzerkrankungen, sowie bestimmten Krebsarten zu erkranken. Aber auch die psychischen Belastungen, die BES-Patienten ausgesetzt sind, können schwere soziale Probleme zur Folge haben. Die unkontrollierbaren Essanfälle können dazu führen, dass Betroffene nicht mehr zur Arbeit oder Schule gehen und ein soziales Abseits droht.

Wie kann man eine Binge Eating Störung behandeln?

Die Behandlung der BES hat zwei Behandlungsziele: Die Normalisierung des Essverhaltens und des Gewichts. Die Behandlung der zugrunde liegenden psychischen Störung

Die psychologische Betreuung der Patienten steht bei der Behandlung im Vordergrund. Es wird vor allem untersucht, welche Konflikte und Belastungen sich hinter der Störung verstecken und welchen Stellenwert diese in der eigenen Lebensgeschichte haben. Das Essverhalten soll normalisiert werden um den Essrhytmus zu regulieren. Oft führen dazu die Patienten ein Tagebuch über die gegessene Nahrungsmenge. Das hilft dabei Stimmungen, Gefühle und Gewohnheiten herauszufinden, die zu den Essattacken führen.

Ziel der Therapie ist nicht die Gewichtsreduktion sondern die Stärkung des Selbstwertgefühls der Patienten. Es geht nicht darum abzunehmen, sondern ein normales Essverhalten zu entwickeln und wieder Kontrolle über das Essen zu bekommen. Die Patienten sollen sich so akzeptieren wie sie sind, eine Gewichtsabnahme stellt sich dann durch das normalisierte Essverhalten oftmals schon von alleine ein. (Stephanie Schirmer)

© Medizinische Enzyklopädie 2010