Die Bemühungen der WHO, die Eradikation der Poliomyelitis (synonym: Kinderlähmung) in den nächsten Jahren endgültig zu erreichen, werden durch gelegentliche, meist politisch bedingte Probleme, wie zum Beispiel aktuell in Nigeria, weiterhin erschwert. Ungeachtet dessen wird ein Krankheitsbild heute von zunehmender Bedeutung, das wahrscheinlich die Spätfolge einer früher durchgemachten Poliomyelitis darstellt. Bekannt ist dieses Krankheitsbild unter der Bezeichnung "Postpolio-Syndrom".
10.08.2004 - Postpolio muskuläre Dysfunktion
Spätfolge der Poliomyelitis: Bei neuromuskulären Schmerzen über 40-Jähriger an ein Postpolio-Syndrom denken
Die Häufigkeit dieser Komplikation wird abhängig von der gewählten Definition mit 20 bis 90% angegeben. Als derzeit zutreffendste Definition gilt die so genannte "Postpolio muskuläre Dysfunktion" (PPMD), die vom European Neuromuscular Center (ENMC) formuliert wurde. Eine PPMD gilt als wahrscheinlich, wenn anamnestisch eine Poliomyelitis gesichert ist sowie eine teilweise oder nahezu komplette funktionelle Rückbildung vorliegt.
Ferner wird gefordert, dass es nach einer stabilen Periode von mindestens 15 Jahren zur Entwicklung von neu aufgetretenen, muskulären Dysfunktionen, wie Muskelschwäche, Muskelatrophie, Muskelschmerzen und Ermüdbarkeit kommt. Bei der neurologischen Untersuchung sollen keine Sensibilitätsstörungen vorliegen, jedoch müssen abgeschwächte oder fehlende Sehnenreflexe, sowie EMG- und/oder kernspintomographische Veränderungen, die mit den Folgen einer Poliomyelitis vereinbar sind, nachweisbar sein.
Bei Anwendung der PPMD-Definition ist in etwa 20 bis 30% der Patienten, die eine akute Poliomyelitis durchgemacht haben, mit Spätfolgen zu rechnen. Trotz dieser neuen Definition ist die diagnostische Bestätigung des Postpolio-Syndroms weiterhin schwierig. Es existieren derzeit keine spezifischen Testverfahren, die eine PPMD beweisen oder ausschließen können. Es ist deshalb wichtig, dass das Ausmaß der nach einer durchgemachten Poliomyelitis verbliebenen Residuen genau zu erfassen, um so eine Progredienz abschätzen zu können. Erfahrungsgemäß verschlimmern sich die Beschwerden nur langsam, können sich jedoch auch wieder rückbilden.
Allerdings kann es auch zu Funktionseinbußen kommen. Bei der Beurteilung der Muskelschmerzen, die sich am schlechtesten objektivieren lassen, müssen diverse andere Erkrankungen differenzialdiagnostisch abgegrenzt werden. Da der Muskelschmerz teilweise generalisiert und belastungsabhängig ist, wird er oft als Überlastungsreaktion interpretiert. Auch das EMG lässt nur eine bedingte Aussage zu, da sich sowohl in scheinbar gesunden wie auch klinisch betroffenen Muskeln Zeichen eines neurogenen Umbaus finden. In der Muskelbiopsie betroffener Areale zeigen sich neben terminalen atrophischen Fasern oftmals Strukturen ("Type grouping"-Phänomen), wie sie bei Reinnervationsvorgängen gesehen werden.
Die Ursachen, die zum Auftreten des Postpolio-Sydroms führen, sind nicht mit letzter Sicherheit geklärt. Eine Viruspersistenz kann heute als Ursache mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Die früher postulierte Reaktivierung des Poliovirus ist daher nicht mehr haltbar. Ebenso fanden sich bislang keine Hinweise auf eine autoimmunologische Störung bei den betroffenen Patienten. Als plausibelste pathogenetische Ursache gilt deshalb heute die Überlastung.
Die verfügbaren therapeutischen Maßnahmen sind lediglich symptomatisch. Dabei ist die Vermeidung des weiteren Überbeanspruchens der gelähmten Muskulatur vorrangiges Ziel. Eine wesentliche Säule der Behandlung ist die physikalische Therapie. Es gibt derzeit keine kontrollierten Studien zur medikamentösen Behandlung des Postpolio-Syndroms. Für die medikamentöse Begleittherapie wird heute üblicherweise L-Carnitin eingesetzt, wodurch sich die muskuläre Ausdauer etwas steigern lässt und die Muskelschmerzen gelindert werden können. Bei manchen Patienten kann auch die Gabe eines Cholinesterasehemmers angezeigt sein.
Für den Hausarzt wichtig ist, dass bei neu aufgetretenen neuromuskulären Symptomen über 40-jähriger Patienten an eine früher durchgemachte Poliomyelitis gedacht wird, die der Patient vielleicht wegen der jahrelangen Beschwerdefreiheit vergessen hat (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie; Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010