Die Story der in den Kinos laufenden Filmdoku "Super Size Me" ist schnell erzählt: Morgan Spurlock, Versuchskaninchen und Regisseur in einer Person, futtert 30 Tage Fastfood und wird fett. Konsumiert wird nur, was es bei McDonald's zu kaufen gibt, jedes Gericht auf der Karte muss mindestens einmal verzehrt werden. Wenn dem Hauptdarsteller eine XXL-Portion ("supersize") angeboten wird, darf er sie nicht ablehnen und: er muss alles aufessen, was auf dem Tablett ist - bis zum Erbrechen.
Das Ergebnis: Morgan Spurlock nahm 12 Kilo zu, die Cholesterin- und Leberfettwerte glichen denen eines Kranken, der Mann wurde schlapp und depressiv. Nun kann man einwenden, das wäre wahrscheinlich auch mit jeder anderen hochkalorischen Fresskur passiert. Der Regisseur will damit die schlechte Situation in Amerikas Schulkantinen dokumentieren und das katastrophale Ernährungswissen der amerikanischen Erwachsenen, die mit dem Begriff Kalorie nicht das Geringste anfangen können.
Der Film will die Strategien des Fastfood-Konzerns aufdecken, der die Portionsgrößen im Laufe der Jahre verdreifacht hat und mit einem jährlichen Werbeetat von 1,4 Milliarden Dollar gezielt und erfolgreich schon die kleinsten Konsumenten umwirbt.
Zum Vergleich: Die amerikanische Kampagne "Obst und Gemüse - fünf am Tag" hat nur ein Werbebudget von 2 Millionen Dollar. Der Film geizt auch nicht mit alarmierenden Hintergrundinformationen: Die Zahl der übergewichtigen Amerikaner hat sich seit 1980 verdoppelt. Die Kosten für Diabetes-Behandlungen in den USA sind von 44 Milliarden Dollar (1997) auf 92 Milliarden Dollar im Jahr 2002 gestiegen. (Quelle: aid-PresseInfo Nr. 30/2004 vom 22.07.2004)
Gleichzeitig geben US-Amerikaner jährlich 32 Milliarden Dollar für diätetische Lebensmittel und Diätkuren aus. Der Film zeigte Wirkungen: Die 65.000 Dollar-Produktion entwickelte sich zum Kassenschlager und hat in den USA bereits ca. 11 Millionen Dollar eingespielt.
Spurlocks Botschaft: Die Amerikaner sollen weniger Junk-Food essen und sich mehr bewegen, McDonald's dagegen gesünderes Essen anbieten, mehr Informationen zum Essen bereit stellen und dem Kunden helfen, die klügere Wahl zu treffen. Die Idee ist gut, denn die weltweit größte Burger-Kette verköstigt 46 Millionen Menschen täglich.
Der Fastfood-Riese hat reagiert: Super-Size-Menüs (die in Deutschland Maxi-Menüs heißen) wurden abgeschafft, 6 Wochen nach der Premiere (Februar 2004 in den USA). Passend zum Filmstart in Deutschland erhielten Journalisten umfangreiches Infomaterial zum Salatangebot hinter den Theken.
Die gesunden Angebote der Fast Food Ketten haben für mich eine Alibiwirkung, so Sven-David Müller von der Gesellschaft für Ernährungsmedizin in Aachen: Wer zu Mc Donalds geht, möchte kein Obst, Rohkostsalat mit fettarmem Dressing, Gemüseburger oder Mineralwasser, sondern Burger, Pommes, Softeis und Cola. Fast Food ist sicher nicht das beste Speisenangebot, aber es ist leicht und überall zu fast jeder Zeit verfügbar. Wer aber leckere Salate, Vegetarisches oder Obst essen möchte, geht kaum zu Mc Donalds, meint Müller.
Dass in Deutschland rund 60% der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig sind, ist nicht auf Fast Food bei Mc Donalds zurückzuführen. Vielmehr zeugt das Ernährungsverhalten in Deutschland insgesamt von mangelnder Esskultur, zu viel Fertiglebensmitteln, Fast Food und fettreichen Speisen.
Der extreme Bewegungsmangel und eine genetische Prädisposition, die den Stoffwechsel in Richtung "Hamstern" steuern, machen die Menschen dick. Der Mensch ist sozusagen ein Hamster, dem das Laufrad fehlt, erklärt Müller.
| O-Ton (Untertitel- Ausschnitte) "US-GESUNDHEITSBEHÖRDE" 17 Millionen Amerikaner leiden an Typ-2-Diabetes. Das ist jeder Zwanzigste. Wer vor dem 15. Lebensjahr an Diabetes erkrankt, hat eine um 17 bis 27 Jahre kürzere Lebenserwartung. Laut Studie haben sich die direkten medizinischen Kosten für die Behandlung von Diabetes verdoppelt. Die Von 44 Milliarden Dollar im Jahr 1997 auf 92 Milliarden Dollar im Jahr 2002. Ungefähr 20% der fettleibigen Kinder haben Leberfunktionsstörungen. Wir haben diesen Kindern Gewebeproben entnommen, um zu sehen, wie ihre Leber unter dem Mikroskop aussieht. Die Hälfte wiesen Lebervernarbungen und -fibrosen auf, das Frühstadium der Leberzirrhose. Bei diesen Kindern tritt dann im Erwachsenenalter, sofern sie ihre Ess- und Bewegungsgewohnheiten nicht ändern, Leberversagen ein, und dann... na ja... | "HUNGRIGES
TAL NÄCHSTE AUSFAHRT" Nährwertinfos bei Mc Donalds ...Nährwert. Die Leute gehen oft essen, und wenn es dort nichts Gesundes und keine Nährwertinformation gibt, wird es schwierig. Gibt's bei Ihnen eine Nährwerttabelle? Diese Broschüren zum Aufklappen? Sind dort keine? Am Eingang? Ja... Alles über "Dora the Explorer"... Ich geh mal hinten nachsehen. Danke. Hab keins gefunden. Da drüben an der Wand. Keins zum Mitnehmen? Hier hängt keins? Nein, es gibt nur noch diese Flyer. Der Aushang wurde abgehängt. Warum? Keine Ahnung. Haben Sie auch einen zum Mitnehmen? Nein. Wissen Sie, wann es wieder welche gibt? Nein. Dahinter! Gut versteckt. Komisch. Man kann von den Menschen nicht persönliche Verantwortung fordern und ihnen dann die dazu nötigen Informationen vorenthalten... |
Die Kosten ernährungs(mit)bedingter Krankheiten schätzt Professor Dr. Rudolf Schmitz, Präsident der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik, auf mindestens 75 Milliarden Euro. Nahezu zwei Drittel der Todesfälle in Deutschland sind indirekt oder direkt auf ernährungs(mit)bedingte Krankheiten zurückzuführen, so Müller.
Nicht Mc Donalds oder die Werbung der Industrie macht uns dick, sondern Fehlverhalten. Dafür kann man nur sich selbst verantwortlich machen, betont Müller: Niemals hat Mc Donalds oder die Industrie behauptet, dass ihre Produkte ausgesprochen gesund sind. Wer dauerhaft super size isst, endet beim Gewicht bei XXL.
Natürlich wäre es sinnvoll, wenn sich Mc Donalds zu mehr gesünderen Speisen in normalen Portionsgrößeren hinreißen lassen würde - aber der Verbraucher müsste das dann auch essen, betont Müller. Immerhin bestimmt nicht Mc Donalds allein die Speisekarte, sondern das Konsumverhalten des Verbrauchers. Im Vergleich zu Pizza, Gyros oder einer Currywurst ist aber praktisch alles von Mc Donalds geradezu kalorienarm und gesund, betont Müller abschließend.
© Medizinische Enzyklopädie 2010
