15.03.2010 - Windpocken: Doch ein unterschätztes Gesundheitsproblem?
Varizellen: Von der Indikationsimpfung zur generellen Impfung
Die Windpocken werden von einem Herpesvirus, dem Varizella-Zoster-Virus verursacht. Bei der endogenen Reaktivierung verursachen diese Viren das Krankheitsbild der Gürtelrose, den Herpes Zoster. Die Varizellen sind weltweit verbreitet und haben als Wirt nur den Menschen. Der Kontagionsindex der Varizellen leigt nahe bei 1,0, womit sie zu den infektiösesten Viren überhaupt zählen. Die Übertragung erfolgt zumeist aerogen, mit einer Inkubationszeit von 8 bis 28 Tagen.
Die Erkrankung beginnt mit einem juckenden Exanthem und Fieber, selten über 39°C. Die Hautläsionen sind das Hauptmerkmal der Infektion ("Sternenhimmel"). Sie erscheinen zuerst am Stamm und im Gesicht und können schnell auf andere Körperteile übergreifen. Varizellen weisen bei sonst gesunden Personen in der Regel einen gutartigen Verlauf auf und heilen im Normalfall ohne Narben ab. Während Varizellen in unseren Breitengraden eine Erkrankung des Kindesalters darstellt, tritt dies Infektion in subtropischen und tropischen Regionen überwiegend im jüngeren Erwachsenenalter auf.
In Deutschland beträgt die Durchseuchung im Erwachsenenalter etwa 95%. In den letzten Jahren wurde jedoch, nicht nur in Deutschland, eine leichte Verschiebung des Erkrankungsalters in Richtung Jugendlichenalter beobachtet. Da die Komplikationsrate wie auch die Letalität mit zunehmenden Alter des Patienten ansteigt, ist diese Verschiebung von medizinischer Bedeutung.
Zu den häufigsten Komplikationen der Windpocken zählen eine bakterielle Superinfektion der Hautläsionen mit Streptococcus pyogenes oder Staphylococcus aureus. Schwerwiegende Komplikation sind die Varizellenpneumonie sowie die Beteiligung des zentralen Nervensystems mit Meningitis, Enzephalitis, Guillain-Barré-Syndrom, Reye-Syndrom, Myelitis transversa und zerebellarer Ataxie.
Bei einer Infektion der Schwangeren vor der 21. Schwangerschaftswoche kann es zum konnatalen Varizellen-Syndrom kommen, das durch Skarifikationen, Ulcera, Narben, Gliedmaßenhypoplasie, Mikroophthalmie, Chorioretinitis, Katarakt und Hirnatrophie gekennzeichnet ist. Bei einer Varizellen-Infektion der Schwangeren 5 Tage vor bis 48 Stunden nach der Geburt können neonatale Windpocken
auftreten, die in etwa 30% letal verlaufen.
Neben der klinischen Diagnostik ist eine Laborbestätigung selten erforderlich, jedoch mittels serologischer Verfahren und der PCR möglich. Die überarbeiteten Empfehlungen der STIKO vom 23. Juli 2004 weisen die Impfung gegen Varizellen jetzt als generelle Routineimpfung für alle Kinder im Alter von 11 bis 14 Monaten aus. Dies ersetzt die bisherige Empfehlung der STIKO, die diese Impfung nur als Indikationsimpfung für spezielle Risikogruppen klassifizierte. Damit passte die STIKO ihre Empfehlung an ein Positionspapier der WHO an, welches besagt, dass eine allgemeine Impfung gegen Windpocken in wohlhabenden Industrieländern, in denen Erkrankungen durch Varizella- Zoster-Virus (VZV) ein wichtiges Gesundheits- und Kostenproblem darstellen, erwogen werden könnte. Der Freistaat Sachsen hatte die generelle Impfempfehlung gegen Varizellen bereits im Frühjahr 2003 eingeführt.
Obwohl seit mehreren Jahren eine Reihe von klaren Indikationen für die Impfung gegen Varizellen bestanden, war die Akzeptanz dieser Präventionmaßnahme eher gering. Durch die generelle Impfempfehlung hofft man eine breitere Basis zu finden und damit auch hohe Durchimpfraten, wie bei Mumps, Masern, Röteln zu erzielen. Mit dem verfügbaren Vierfach-Impfstoff (Masern-Mumps-Röteln-Varizellen) dürfte die Compliance der Impfärzte bzw. der Eltern weiter steigen und damit dieses Ziel sicherlich erreicht werden.
(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).
© Medizinische Enzyklopädie 2010