11.07.2005 - Tour de France: Sportphysiologie und das Leistungstraining der Radprofis

Deutsche Radprofis bestimmten am zweiten Wochenende der 92. Tour de France das Rennen

Lactate Scout: Ein Scout für alle Gefälle
Lactate Scout: Ein Scout für alle Gefälle

Schreibt Lance Armstrong Radsport-Geschichte und feiert er den 7. Tour-Triumph in Serie? Eine grandiose Energieleistung hat dem Berliner Jens Voigt gestern zum zweiten Mal nach 2001 das Gelbe Trikot gebracht.

Sportphysiologisch gibt es beeindruckende Zahlen über die Radprofis zu berichten: eine Lungenkapazität von 6,5 Litern, ein Herzminutenvolumen, das mit 50 Litern doppelt so hoch ist, wie das eines Durchschnittsmenschen, die anaerobe Schwelle bei 180 Pulsschlägen und eine maximale Leistung von fast 2.000 Watt. Zahlen, die für ein Höchstmaß an Ausdauer- und Maximalbelastungsfähigkeit stehen.

Leistungstraining Radsport

Bei den Bergetappen beispielsweise ging es bei den Anstiegen und Zwischenspurts an die Zuckervorräte in den Muskeln der Radprofis. Damit dabei nicht zu viel des Abbauproduktes Laktat entstand, trainieren Ullrich und sein Team nach speziellen Methoden. Ein kleines medizintechnisches Wunderwerk hilft ihnen dabei.

Der Körper eines Radprofis ist mit modernsten sportphysiologischen Methoden darauf trainiert, je nach aktueller Situation den vermehrt aufgenommenen Luftsauerstoff oder die angebotenen Substrate Fett und Zucker zu verwerten. Lungenkapazität, Herzminutenvolumen und die optimale Bereitstellung des Sauerstoffs an die Muskelzellen sind wichtige Kenngrößen, damit der Körper bei Ausdauerbelastungen keine Sauerstoffschuld eingeht.

Radsport - Radfahren

Reicht diese aerobe Energiezufuhr nicht mehr aus, schalten die Mini-Kraftwerke der Muskelzellen auf anaeroben Stoffwechsel um. Dazu gehört ihrer Fähigkeit, bei Dauerbelastung Fett zu verbrennen, was im Vorfeld der Tour durch kohlehydratarme Kost regelrecht konditioniert wird.

Zucker, in Form von Glykogen in den Muskelzellen gespeichert, kommt - im wahrsten Sinn des Wortes - erst für höhere Aufgaben zum Einsatz: Maximalleistungen, wie sie beim Erklimmen von Bergen der ersten Kategorie notwendig werden, sind nur durch zusätzliche Verbrennung der energiereichen Zuckervorräte möglich. Riesige Frühstücksportionen von Spaghetti, Omeletts und Müsli helfen, diese Speicher zu füllen: Bei hohen Insulinpegeln nach rund 7.000 Kilokalorien steigt die ansonsten geringe Durchlässigkeit der Muskelzellen für Glukose.

Radsport - Sportmedizin - Ernährung (Infografik: mediXtra)

Aber nicht nur Ausdauer und kurzzeitiger Abruf von Höchstleistungen werden trainiert, auch die Erholungsphasen spielen eine wichtige Rolle. Damit die Muskeln nach maximalen Kraftanstrengungen schnell regenerieren und auch auf kurzen Gefällstrecken zwischen den Anstiegen rasch wieder auf aerobe Energieverwertung umschalten, verfügt Ullrich über eine besondere "Kapillarisierung", die erhebliche Zunahme der Kleinstgefäße, die den Austausch von Sauerstoff und Kohlenmonoxid in der Muskelzelle optimiert.

schonendes Radfahren

Neben einer guten genetischen Ausstattung ist vor allem eine perfekte Trainingsvorbereitung notwendig, um die 3500 Kilometer der "Tour der Leiden" zu überstehen – und am Ende zu gewinnen. Wichtig ist hierbei die engmaschige Überwachung des Laktatwertes. Wenn Jan Ullrich bei Steigungen von 10% richtig in die Pedale tritt und jedes energiereiche Zuckermolekül für die Muskelarbeit benötigt, entsteht Laktat, ein Salz der Milchsäure.

Ein Anstieg seines Pegels führt aber nicht nur zu einer Hemmung von wichtigen Enzymen des Energiestoffwechsels, hohe Werte empfinden die Radprofis subjektiv auch als "brennenden Schmerz". Wenn das Laktat in die Muskeln schieße, wird "Ulle" gelegentlich zitiert, habe man das Gefühl, sie explodieren.

Lactate Scout - aerob-anaerobe Schwelle - Wettkampfvorbereitung

Ziel des Trainings ist somit, an Hand des Milchsäurespiegels im Blut die individuelle aerob-anaerobe Schwelle zu optimieren. "Lactate Scout" heißt einer der neuen kleine Helfer für die Suche nach der perfekten Wettkampfvorbereitung und auch das Team von T-Mobile vertraut auf seine Dienste. Nicht viel größer als ein Handy, ermöglicht er mittels Teststreifen die schnelle und präzise Laktatmessung am Ort des Trainings.

Vorbei seien die Zeiten, so Christian Weyer von der Herstellerfirma SensLab, wo die Blutproben für die Messung kleine Röhrchen füllten, die dann ins Labor gefahren werden mussten, von der Dauer der Auswertung ganz zu schweigen.

Vorbei scheinen auch die Zeiten, wo sportmedizinische High Tech-Ausrüstung nur den Profis vorbehalten war. Ob der durchaus erschwingliche Preis des mobilen Laktatmessgerätes aber hilft, in naher Zukunft neue Jan Ullrichs hervorzubringen, bleibt abzuwarten.