23.07.2004 - Russische Medizintouristen: Flucht vor der medizinischen Misere

Ausländische Patienten schätzen deutsche Kliniken

Russische Patienten schätzen deutsche Kliniken
Russische Patienten schätzen deutsche Kliniken

Als der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin sich wegen seiner Herzerkrankung in einem Berliner Krankenhaus behandeln ließ, gab es einen Skandal. Russische Bürger waren verärgert, weil Jelzin erst das Land verfallen ließ und dann sein Heil im Westen suchte. Empörung gab es vor allem darüber, dass viele Russen nicht so einfach ins Ausland reisen können.

Das hat sich inzwischen geändert. Medizintourismus ist weltweit zum lukrativen Geschäft geworden. Bis zu 6 Mrd. Dollar geben  US-Bürger für medizinische Leistungen in lateinamerikanischen Staaten aus. Indien erwartet bis zum Jahr 2012 einen Umsatz von 1 Mrd. Dollar. Zwar liegt das Marktvolumen in Deutschland bisher nur bei wenigen 10.000 ausländischen Patienten pro Jahr. Doch eine internationale Studie, die für die Touristikmesse Berlin erstellt wurde, bestätigt den positiven Trend.

Mehrsprachige Patienteninformation in Berlin 1999

Eine Gesetzesnovelle hat dies möglich gemacht. Auf Initiative der bayerischen Staatsregierung erfolgte zum 1.Januar 1998 im Rahmen der 5.Änderungsverordnung zur Bundespflegesatzverordnung die entsprechende gesetzliche Regelung bezüglich der Behandlung ausländischer Patienten in deutschen Krankenhäusern. Damit besteht keine Rückzahlungspflicht für Mehrerlöse aufgrund der Behandlung von ausländischen Patienten, und bietet somit für Kliniken eine der wenigen Möglichkeiten, zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Inzwischen wurden auf nationaler Ebene Kooperationsverträge mit Norwegen, Dänemark und Großbritannien geschlossen.

Medizintourismus - Internationale Patienten

Damit können zum Beispiel Patienten, die wegen der langen Wartelisten in ihren Heimatländern bisher nicht operiert werden konnten, zur OP nach Deutschland reisen. Zu den am häufigsten behandelten Krankheitsbildern der Medizintouristen zählen chronische Leiden wie die Koronare Herzkrankheit oder das LWS-Syndrom.

In den erdölexportierenden Staaten steigt die Zahl der Lungen- und Bronchialkrankheiten bedingt durch die Luftverschmutzung. Auch Diabetes mellitus und Hautkrebs-Fälle nehmen in den Wüstenstaaten weiter zu.

Angelockt vom guten Ruf der deutschen Medizin kommen Patienten aus arabischen Staaten verstärkt nach Deutschland. Das dichte Kliniknetz, die moderne technische Ausstattung und die Verfügbarkeit von Spezialisten sichern den deutschen Wettbewerbsvorteil.

Einen traditionell hohen Stellenwert nehmen auch urologische und gynäkologische Behandlungen ein - die Behandlung von Fertilitätsstörungen spielt eine zentrale Rolle. Arabische Frauen dürfen zur Behandlung an deutschen Kliniken fast immer nur von Frauenärztinnen behandelt werden.

Internationale Patienten - Medizin-Tourismus - Bericht über das Klinikum Nürnberg 1999 zum Thema Internationale Patienten

Russische Medizintouristen wollen zunächst einmal der heimischen Misere entgehen. Ihr Gesundheitssystem ist defizitär, staatliche Krankenhäuser leiden unter Ärztemangel, die Sterblichkeitsquote in Russland zählt zu den höchsten der Welt.

Wen wundert es, dass die 10 bis 15% der Russen, die es sich leisten können, lieber zur Behandlung ins Ausland reisen. Um dieses Potential, immerhin mehr als 15 Mio. Russen, werben vor Ort deutsche Patienten-Vermittlungsagenturen. Sobald Vertrauensärzte den Therapiebedarf festgestellt haben, kümmert sich die Agentur um Visum, Transport, Betreuung durch Dolmetscher und die Unterbringung der Angehörigen. Dabei kooperieren die Agenturen mit Kliniken in Hamburg, München oder Nürnberg.

Seit dem 11. September 2001 ziehen arabische Touristen europäische Länder den USA vor. Dafür haben sie Erwartungen, denen deutsche Kliniken nicht immer gerecht werden: Betreuung in ihrer Landessprache, Verköstigung entsprechend den heimischen Essgewohnheiten und ein Angebot von arabischen TV- und Radioprogrammen.

Internationale Patienten - Medizintourismus - Patienten-Import

Aber nicht alle Klinken sind mit den Vermittlungsagenturen zufrieden. Daher präsentieren sie sich verstärkt auf ausländischen Messen und Kongressen.

Brechen nun für die budgetgeplagten deutschen Kliniken rosige Zeiten an? Nicht ganz! Schon droht Konkurrenz aus Frankreich oder Tschechien. Und vielen deutschen Kliniken fehlt es an einer gezielten Marketing-Strategie. Nach einer Studie der FH Bonn-Rhein-Sieg halten vor allem die Internet-Auftritte vieler Krankenhäuser dem Vergleich mit ähnlichen Kliniken in den USA oder Singapur nicht stand.

Ebenso fehlt es an regionaler Profilierung, der Schaffung von spezialisierten Therapiezentren und der gezielten Vermittlung relevanter Informationen an interessierte Ausländer. (Holger Schmidt)

Mehr unter www.german-health.de 

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