22.05.2010 - Lymphozytäres Choriomeningitis-Virus (LCMV): Hamster sind Überträger
Konnatale Schädigungen sind möglich
Das lymphozytäre Choriomeningitis Virus (LCMV) ist ein in der ärztlichen Praxis wenig bekannter Erreger, der Schädigungen des Fetus verursachen kann. LCMV, ein zu den Arenaviridae gehörender Erreger, verursacht eine Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Als tierisches Reservoir und Übertrager gilt neben Hamstern, Meerschweinchen auch die Hausmaus.
Die Nager, bei denen meist eine asymptomatische, persistierende Infektion vorliegt, scheiden das Virus mit dem Speichel, Urin oder Fäzes aus. Die Ansteckung des Menschen erfolgt vermutlich durch viruskontaminierte Nagerexkremente, Nahrungsmittel oder Staub. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bisher nicht beobachtet. Erkrankungen durch LCMV wurden in den letzten Jahren aus Europa sowie Nord- und Südamerika berichtet.
Nach Schätzungen kommt es in Deutschland jährlich zu etwa 100 Erkrankungsfällen. Betroffen sind insbesondere Personen, die beruflich Kontakt zu Nagern haben, wie beispielsweise Tierpfleger oder Laborpersonal. Auch in der Landwirtschaft Tätige weisen ein höheres Infektionsrisiko auf. Infektionen, die durch freilebende Nager verursacht werden, treten meist im Winter und Frühling auf. Auch durch Hamster, die in Tierhandlungen erworben werden, kann es zur LCMV-Infektion kommen. Wird in einer Tierhandlung LCMV bei einem Nager identifiziert, muss davon ausgegangen werden, dass ein Großteil des Nagertierbestandes dieses Geschäfts infiziert ist.
Die Inkubationszeit beträgt beim Menschen etwa 3-15Tage. Der klinische Verlauf reicht von einer asymptomatischen Infektion (35%), einer leichten bis mittelgradigen Symptomatik (50%) bis hin zur klassischen Beteiligung des ZNS mit einer Choriomeningitis oder Enzephalopathie (15%). Die Erkrankung
beginnt zunächst mit Fieber, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Myalgien. Das Fieber hält über 4 bis 14 Tage an. Die Kopfschmerzen sind oftmals ausgeprägt und frontal oder retroorbital betont. Es bestehen weiterhin Appetitlosigkeit, Halsschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Arthralgien. Bei der körperlichen Untersuchung fällt eine Entzündungen des Rachens auf. In seltenen Fällen verläuft die Infektion letal.
Bei einer Infektion in der Schwangerschaft kann es zur Übertragung des Virus auf den Feten kommen. Als Folge der fetalen LCMV-Infektion kann ein Hydrozephalus resultieren. Über die Häufigkeit der fetalen Komplikationen gibt es derzeit noch keine eingehenden Untersuchungen.
Berichte über kindliche Schädigungen liegen aus Deutschland jedoch vor. Die Haltung eines Hamsters im Umfeld einer Schwangeren sollte wegen der möglichen Gefährdung des Fetus unterbleiben.
Als Prohylaxe wird empfohlen Nagetiere aus LCMV-freien Beständen zu erwerben und den Kontakt zu wildlebenden Nagetieren zu vermeiden. Die Diagnostik der LCMV-Infektion erfolgt durch den Nachweis spezifischer Antikörper der IgM- und IgG-Klasse mittels gängiger serologischer Methoden. In einigen Laboratorien wurde zudem inzwischen die PCR zum Nachweis viraler LCMV-Genome im Liquor etabliert.
Die Therapie erfolgt symptomatisch und supportiv. Eine antivirale Therapie oder ein Impfstoff stehen nicht zur Verfügung.
In den USA traten 2005 Todesfälle in Folge der Übertragung von Organen eines an mit LCMV- infizierten Organspenders auf. Seither kam es wiederholt zu transplantations-assoziierten LCMV-Infektionen.
(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche, Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).
© Medizinische Enzyklopädie 2010