04.07.2004 - Weibliche Libidobooster

Die weibliche Potenzpille? Jede dritte Frau in Europa und den USA von Störungen des sexuellen Antriebs betroffen

Schätzungen zufolge ist jede dritte Frau in Europa und den USA von Störungen des sexuellen Antriebs betroffen. Gegenwärtig gibt es aber noch keine zugelassene weibliche "Potenzpille". Die Ergebnisse tierexperimenteller und klinischer Studien weisen auf die neuesten Entwicklungen hin.

Neurobiologie-Verhaltensforscher der Concordia-Universität in Montréal hatten die Wirkung der experimentellen Substanz PT-141, ein Peptidanalog des alpha-Melanozyten-stimulierenden Hormons (alpha-MSH), auf sexuelle Verhaltensmuster bei Ratten untersucht. In früheren Studien war bereits eine erektionsfördernde Wirkung von PT-141 bei Männern beobachtet worden.

Bei weiblichen Ratten mit zuvor entfernter Gebärmutter verstärkte sich unter dem Einfluss von PT-141 ausschließlich drängendes Sexualverhalten, ohne dass es zu direkt kopulativ-rezeptivem Verhalten kam. Die Substanz stimulierte den sexuellen Appetit, generalisierte motorische Aktivierung oder verändertes sexuelles Belohnungsverhalten fehlten.

Die Befunde dieser Studie zeigen erstmals, dass mit dem selektiven Melanocortin-Rezeptoragonisten PT-141 der sexuelle Antrieb weiblicher Ratten gesteigert werden kann. PT-141 erwies sich als hochselektiv für die Bindung an die Melanocortin-Rezeptor-Subtypen 1, 3 und 4, ohne signifikante Bindungsaktivität an 30 andere Neuropeptide oder Monoaminrezeptoren.

Die selektive Bindung an Melanocortin-3/4-Rezeptoren induziert offensichtlich ZNS-Wirkungen in hypothalamischen und limbischen Strukturen, die sexuelles Appetenzverhalten kontrollieren. Selektiv sexuell stimulierendes PT-141 könnte demnach eine viel versprechende Kandidatensubstanz für die Entwicklung eines weiblichen Libidoboosters für Frauen sein.

An einer randomisierten Doppelblindstudie der Case Western Universität in Cleveland hatten gebärfähige (prämenopausale) Frauen mit vermindertem sexuellem Antrieb (Hypoactive Sexual Desire Disorder) teilgenommen und 112 Tage lang Bupropion bzw. Plazebo eingesetzt. Bupropion ist unter anderem als Antidepressivum bzw. als Mittel zur Raucherentwöhnung zugelassen. Die Untersucher und die Frauen selbst bewerteten den Behandlungserfolg (sexuelle Phantasien, Erregung und Verlangen nach Sex u. a.) mit Hilfe von Fragebögen.

Die Endanalyse ergab für alle Messparameter, dass die sexuelle Appetenz der Frauen unter Bupropion zugenommen hatte. Besonders ausgeprägt waren Veränderungen der Bewertungen im Fragebogen zur Sexualfunktion: Brupropion führte zu einer signifikant verbesserten sexuellen Erregung, zu vermehrt vollständigen Orgasmen und größerer sexueller Befriedigung. (Dr. Eberhard J. Wormer)

Quellen: Pfaus JG et al., Selective facilitation of sexual solicitation in the female rat by a melanocortin receptor agonist, Proc Natl Acad Sci 101 (2004) 10201–10204, Segraves RT et al., Bupropion sustained release for the treatment of hypoactive sexual desire disorder in premenopausal women, J Clin Psychopharmacol 24 (2004) 339–342

© Medizinische Enzyklopädie 2010