02.06.2004 - Wie viel Skandal braucht ein Thema?

BSE, Acrylamid & Co: Mangelndes Wissen fördert Verunsicherung

Diskussionen laufen auf allen Ebenen, vom Stammtisch über Erziehungseinrichtungen bis hin zur großen politischen Bühne. Seit der BSE-Krise Ende 2000 sind die Herkunft von Lebensmitteln, deren Zusammensetzung und Verarbeitung verstärkt ins Licht der öffentlichen Beachtung gerückt.

Warum aber entsteht der Eindruck, dass seitdem das Thema Lebensmittel salonfähig geworden ist, sich die Skandale von verseuchtem Tierfutter über hormonbehandeltes Fleisch bis zur Acrylamid-Problematik scheinbar häufen? Nachgegangen sind der Frage "Wie viel Skandal braucht ein Thema?" Experten aus Politik, Medien und Industrie auf dem 7.aid-Forum "Risikokommunikation - Der Verbraucher zwischen Irritation und Information" am 27. Mai 2004 in Bonn.

Schon vergessen? BSE

Skandale rund um Lebensmittel sind immer mit Werte- und Regelverletzungen verbunden. Deswegen sei der "Skandal" um Acrylamid auch gar keiner, "vielmehr ist es ein Skandal, dass es immer noch Hersteller gibt, die auf ihren Verpackungen 250° C Backtemperatur empfehlen, die die Entstehung von Acrylamid fördert", so Jürgen Stellpflug, Chefredakteur der Zeitschrift Ökotest. In der Tat sind alle herstellenden Betriebe von der neuen wissenschaftlichen Erkenntnis zu Acrylamid überrascht worden.

"Die Wissenschaftler sind damit gleich an die Öffentlichkeit, ohne, dass wir überhaupt eine Chance hatten zu reagieren", sparte der Geschäftsführer vom Kölner Snackhersteller Intersnack Christopher Ferkinghoff nicht mit Kritik. Auch die offene Selbsterkenntnis von staatlichen Behörden kam nicht zu kurz. "Der Staat war in den letzten Jahrzehnten oft betriebsblind", gab Bernhard Kühnle, vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft zu und weiter: "Es kann doch nicht sein, dass 16 Bundesländer noch mal dieselbe Paprika überprüfen, bei der Ökotest schon Pestizide gefunden hat. Die Lebensmittelüberwachung muss insgesamt intelligenter werden".

Schon vergessen? Acrylamid

Kühnle verwies ebenso auf das Verbesserungspotential in der Lebensmittelkennzeichnung. "Allein alles draufschreiben reicht nicht. Die Kennzeichnung muss Entscheidungsgrundlage werden". Der Verbraucher soll verstehen, was konkret hinter der Deklaration jedes einzelnen Lebensmittels steckt. So sieht das auch Dr. Christian Grugel, Leiter des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Bonn: "Die Ernährungsberatung der letzten 20 Jahre ist gescheitert. Der Verbraucher muss wieder die Kontrollfunktion in Sachen Lebensmittel erhalten, damit er nicht mehr so unsicher und emotional abhängig von Berichten in den Medien ist".

Einig waren sich alle Beteiligten in der abschließenden Aussage von Dr. Margareta Büning-Fesel, Geschäftsführender Vorstand des aid infodienst: "Die eigene Verantwortung muss mehr in den Vordergrund. Essen und Trinken sind ganz elementare Bestandteile im Leben und jeder sollte wissen, woher die Lebensmittel stammen und wie sie produziert werden, um nicht zuletzt auch die kritische Einstellung gegenüber Produkten aus der Ernährungsindustrie richtig einzuschätzen. Und da hilft nur: Aufklärung und Unterstützung zur Risikomündigkeit."

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