29.04.2004 - Chirurgie, Fussball und Katastrophenmedizin

121. Chirurgenkongress bis 30. April in Berlin: Wie gut vorbereitet ist die Einsatzchirurgie im Katastrophenfall in Hinblick auf die Fussball-WM 2006?

Berliner Chirurgie-Kongress 2004
Chirurgen und Chirurgie zwischen Anspruch und Realität


"Chirurgen und Chirurgie zwischen Anspruch und Realität“ – unter diesem Motto diskutieren im Rahmen des 121. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCh) noch bis morgen in Berlin Fachmediziner die Perspektiven ihres Berufsstandes und den gesellschaftlichen Stellenwert des Chirurgen und dessen Aufgabenspektrums.

1.435 Fachvorträge und Workshops informierten, über 5.000 Fachmediziner diskutierten über die neuesten Trends in der Viszeral-, Unfall-, Gefäß-, Kinder-, Thorax-, Herz- und Plastischen Chirurgie. Die Schwerpunktthemen der einzelnen Kongresstage lauten Interdisziplinarität, Chirurgie unter DRG-Bedingungen, Innovationen sowie Evidence-basierte Medizin und klinische Forschung.

Thema des Tages war gestern die Katastrophenmedizin aus der Perspektive der Einsatzchirurgie mit dem Titel "Terrorziel Fussball-WM 2006". Als Reaktion auf nationale und internationale Katastrophen der letzten Jahre hatte die Bundesregierung im November 2003 die Schaffung eines Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe beschlossen. 

Doch deutschsprachige Publikationen zu Krankenhaus-Katastrophenplänen sind bisher kaum verfügbar. Eine eigens initiierte Umfrage, die gestern auf dem Kongress vorgstellt wurde, bestätigte zwar ihre weitgehende Existenz, zeigte aber gleichzeitig sehr große Schwierigkeiten bei der Finanzierung von Übungen zu den Katastrophenplänen und der allgemeinen Notfallversorgung im Katastrophenfall auf. Eine Steilvorlage von Medien und Chirurgie zur Verbesserung dieser Situation bis zur WM 2006 ist unverzichtbar.

Berliner Chirurgenkongress

Vor gut 10 Tagen fand in Berlin die 100. Krankenhausübung statt: Ein so genannter Massenanfall von Verletzten, wie sie bei großen Unfällen und anderen Großschadensfällen zu erwarten wäre, wurde simuliert. Verletztendarsteller - Mitglieder des Malteser Hilfsdienstes - wurden durch Schminken auf ihre Aufgaben vorbereitet.

Seit 1985 führt die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz jährlich bis zu acht Berliner Aufnahmekrankenhäusern Alarmierungs- und Einsatzübungen durch. Alle Übungen mit den Krankenhäusern werden überraschend ausgelöst und im Anschluss gemeinsam und detailliert ausgewertet. Damit gehört Berlin zu den katastrophenmedizinisch  am besten organisierten Regionen in der Bundesrepublik. Insider beschwören, dass man in Berlin "800 Schwerverletze innerhalb 60 Minuten bewältigen" könnte, dann erst müsste man in Brandenburg zuschalten.

Berliner Chirurgenkongress Berlin 2004

Nationale und internationale Katastophenereignisse wie das Oder - und das Elbehochwasser, der 11.September oder Erdbeben führten zur einer Neuordnung des Zivilschutzes:
Am 1.Oktober 2002 wurde das gemeinsamen Melde- und Lagezentrums des Bundes und der Länder (GMLZ) als Warn- und Führungsinstitution, am 5.November 2003 das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (GMLZ) gegründet.

Doch wie schlagkräftig sind die deutschen Institutionen tatsächlich? Im Vorfeld wurde eine Umfrage zum aktuellen Stand von Krankenhaus-Katastrophenplänen gestartet, die an 2.456 Chefärzte und leitende Ärzte von Chirurgischen Kliniken und Abteilungen gerichtet wurde. Mit nur 626 Antworten erreichte die Umfrage eine Rücklaufquote von 25%.

Ergebnis: Bei vielen kristallisierten sich "fast unüberwindliche Schwierigkeiten bei der Finanzierung von Übungen zu Krankenhaus-Katastrophenplänen" heraus.

Konzepte der Katastrophenvorsorge und -bewältigung auf Länderebene seien als überholt anzusehen, so die Deutschen Gesellschaften für Chirurgie und Katastrophenmedizin unisono. Die Notfallplanung der Krankenhäuser sei derzeit unzureichend und auf wenige Zentren beschränkt. Nur durch regelmäßig stattfindende Übungen liessen sich im Falle einer Katastrophe eine adäquate medizinische Versogung gewährleisten.

Es fehle an Fachkräften und - Geld, auch die Vernetzung der Krankenhäuser sei völlig unzureichend. Es bestehe bundesweit dringend Nachholbedarf in der Schulung und Ausrüstung der Katastrophenschützer. Auch Zivilisten müssten in Selbstschutz besser ausgebildet werden. Zudem müssten zentrale Kompetenzzentren geschaffen werden, mögliche Terroranschläge durch A-B-C-Waffen seien in Europa wahrscheinlicher geworden.

Berliner Chirurgie 2004

Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen und die Streichung von Krankenhausbetten täten ihr übriges. Katastrophenmedizinissche Behandlungskonzepte würden komplett fehlen. Unzureichend in Hinblick auf biologische und chemische Gefahrenlagen sei auch die Vorhaltung von Sanitätsmaterial, Arzneimittel, Impfstoffe und Antidota.

Fazit: Aus Sicht der Einsatzchirurgie muss bis zur WM 2006 noch viel passieren, dass Deutschland nicht nur Weltmeister im Fussball wird, sondern auch in der Notfall- und Katastrophenmedizin. Das es in Deutschland mittlerweile aber auch mit dem Fussball nicht so klappt, zeigt das gestrige Spielergebnis in Rumänien, wo die deutschen Fussballer das schlechteste Ergebnis seit 1913 einspielten.

© Medizinische Enzyklopädie 2010