08.04.2004 - Gesundheitsreform 2004 Deutschland - Patient Krankenhaus in Lebensgefahr

Teuflisch-geniale Effizienzsteigerung: Steht bald ein grosses reformiertes Krankenhaussterben bevor? 100 Tage Gesundheitsreform

Prof. Gerhard F. Riegl, Dipl.-Oeconom (Univ.) und Dipl. Betriebswirt (FH), Gründer und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Management im Gesundheitsdienst
Der Augsburger Experte Gerhard Riegl prophezeite jüngst im "Focus"-Interview im Krankenhaus kürzere Wartezeiten und ziemlich kranke Patienten

Klinikmarketing: Krankenhäuer haben täglich Tag der offenen Tür

In Deutschland steht nach Einschätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) ein Kliniksterben bevor. Nach der Prognose steht zu befürchten, dass in den nächsten 10 Jahren von den 2.240 Krankenhäusern in Deutschland mehr als 330 Kliniken schließen müssen. medixtra.com befragte dazu heute Prof. Dr. rer. pol. Gerhard F. Riegl,  Dipl.-Oeconom (Univ.) und Dipl. Betriebswirt (FH), Dozent an der Fachhochschule Augsburg,  Gründer und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Management im Gesundheitsdienst...

1) Die Gesundheitsreform "feiert" 100 Tage Geburtstag. Ein wesentlicher Bestandteil ist auch die langjährig geplante Einführung der DRG´s in den Krankenhäusern. Führt dieses australische Idee jetzt zur Vernichtung von Arbeitsplätzen, weil 15% aller Kliniken laut DKG bald schließen müssen? 

Ziel der DRG-Einführung in Deutschland ist eine teuflisch-geniale Effizienzsteigerung im stationären Gesundheitsbereich. Das heißt, es war voll beabsichtigt, für die gleiche Anzahl von Fällen weniger Ressourcen, vor allem kürzere Verweildauern einzusetzen. Die Väter der DRG-Einführung haben von vornherein eingeplant, dass Kapazitäten im Klinikbereich reduziert oder abgebaut werden und das bedeutet im Dienstleistungsbereich Stellenstreichungen. Ein Wegfall von Arbeitsplätzen kann im Grunde nur verhindert werden, wenn zugleich mit gleichem Personalbestand mehr Leistungen erbracht werden als je zuvor.

Wie viele Kliniken tatsächlich schließen werden, ist umstritten. Es gibt Spekulationen beim Klinikabbau zwischen 15% und 40% (Arthur Anderson-Studie) und 70%. Was tatsächlich kommt, ist abhängig von der Fachrichtung, vom  Spezialisierungserfolg der Klinik und vom DRG-Marketing der Kliniken. Es ist nicht auszuschließen, dass es auch Kliniken gibt, die Kapazitätssteigerungen erleben.

Müssen Kliniken bald dicht machen?

2) Was ist der Grund, warum sich viele Krankenhäuser oder auch Praxen immernoch erfolgreich dem Marketing entziehen. Rechtsunsicherheit oder bürokratische Hürden?

Hauptgründe für die noch viel zu geringe Marketinganwendung sind vielschichtig: Weite Kreise im öffentlichen Gesundheitssektor sehen Marketing irrtümlich als Luxus oder als kontraproduktiv an und nicht als cleveres Effizienzsteigerungs-Programm. Man setzt vornehmlich auf fachliche Qualitätssteigerungen was zur Selbstausbeutung der Kliniker führt und vernachlässigt die qualitätsbegünstigenden Marketingeffekte in der Klinikpraxis.

Es gibt noch zu viele Leistungsträger, die darauf beharren, dass sie ohne Marketing in der Vergangenheit erfolgreich waren und glauben, dass dies auch in Zukunft möglich sei. Manche Krankenhäuser oder Praxen haben auch eine gewisse Angst vor zu viel Marketing-Erfolg, weil dies durch Regress, Budgetüberschreitungen oder Deckelungen zu Überbeanspruchungen führen könnte. Tatsache ist jedoch, dass Marketing ein exzellentes Mittel darstellt, um leidige Bürokratie abzubauen oder zu umgehen sowie um Rechtsunsicherheiten oder Regelungslücken durch kluge Strategien positiv zu nutzen.

Bettenabbau - Klinikschließung - eingemottete Betten im Keller

3) Können sich Kliniken vor dem Exitus retten und das Ruder herumreißen durch Marketingmaßnahmen?

Man kann Kliniken auch zu Tode sanieren. Ich bin sogar der Überzeugung, dass Kliniken nach dem Ausschöpfen sinnvoller Qualitätsmaßnahmen, neuer Reorganisationen, radikaler Kostensparmaßnahmen und nach dem Ausreizen hoffnungsvoller Verhandlungsspielräume nur mit Marketing vor dem Exitus zu retten sind. Es gibt keinen Artenschutz für alle Krankenhäuser im Land, und die öffentlichen Kassen können aufgrund ihrer katastrophalen Finanzlage kein Krankenhaus dauerhaft vor dem Untergang retten, sofern es absolut wettbewerbsunfähig ist und bei zunehmend eigenverantwortlichen (mitzahlenden) Patienten marktwirtschaftlich verzichtbar geworden ist.

4) Welche Bedeutung hat Suchmaschinenmarketing für Kliniken? Kann man so das HWG austricksen?

Das Suchmaschinen-Marketing für Kliniken bringt vor allem Vorteile bei Spezialbehandlungen oder bei ausgefallenen Erkrankungen. Es ist jedoch nicht vorstellbar, dass ein normaler Patient, der sich in Behandlung eines Haus- oder Facharztes befindet, künftig überwiegend durch das Internet seine Wunsch- und Idealklinik sucht und findet. Allerdings werden die Krankenkassen und alle anderen professionellen Patientenlotsen mit derartigen Internet-Recherchen ihre "Kunden“ beraten.

Außerdem werden die Internet-Beziehungen und Online-Dienste von Krankenhäusern im Vorfeld von geplanten Klinikaufnahmen ein sehr wichtiges Bindeglied zur Vorabaufklärung, zur Beratung, zur Effizienzsteigerung des Check-in und zum Just-in-Time Behandlungsbeginn von Patienten darstellen. "Marken-Qualitätskliniken“ brauchen selbstverständlich auch ein gutes Suchmaschinen-Marketing, aber diese Profilierung allein reicht nicht aus. Die Klinikrealität sollte unbedingt mit der Internet-Welt übereinstimmen.

Klinikschließung

5) Wie bewerten Sie die Ereignisse rund um den LBK in Hamburg oder Vivantes in Berlin? Sind Übernahmen ausländischer Investoren denkbar?

In der deutschen Krankenhauslandschaft gibt es derzeit extrem wettbewerbsverzerrende staatliche Einflüsse bei Krankenhäusern. Nicht die Übernahmepreise oder Renditeausichten, sondern die Ungleichbehandlungen müssen private Investoren abschrecken, die nach Basel II ohne Gewährsträgerhaftung ganz anderen Bewertungskriterien unterliegen als öffentliche Häuser.

Momentan sieht es leider so aus, dass Plan-Insolvenzverfahren, bei denen Häuser entschuldet werden, zu einer Begünstigung von jahrelang unwirtschaftlichen Einrichtungen führen können, weil sie nach Abschreibung ihrer Schulden wie ein Phönix aus der Asche schuldenfrei hervorgehen können. Umgekehrt: Wenn ein Krankenhaus heute extrem gute Überschüsse macht,  muss es diese bei Kassenverhandlungen sehr klug "verstecken“ damit sie nicht abgezogen werden. Der Wettbewerb sieht derzeit leider so aus, dass die Braven gegen die Cleveren verlieren.

Hängen die Kliniken am Tropf - Patient Krankenhaus in Lebensgefahr

6) Im Vergleich zu anderen Unternehmen vergleichbarer Grösse gibt es ja in vielen Krankenhäusern auch keine richtigen Marketingabteilungen...
 
Ob ein Krankenhaus gutes Marketing macht, hängt nicht davon ab, wie groß die Marketingabteilung ist und wie viel Budget man hat, sondern wie sich das Marketing-Gedankengut und das kundenorientierte Handeln in einem Krankenhaus vollständig integriert haben. Wenn man 70% Personalkosten hat, muss jedem bewusst sein, dass er mindestens 10% seiner Personalkosten auch für den guten Marketingeinsatz seiner Mitarbeiter ausgibt.

Ein Krankenhaus hat täglich Tag der offenen Tür. Das bedeutet wenn die Mitarbeiter nicht genügend qualitätsbewusst und reputabel beim Patienten, bei Besuchern oder bei Einweisern auftreten, ist jedes Marketing vergeblich. Dienstleistungsmarketing bedeutet eben in erster Linie Aufrüstung des eigenen Personals für gute und reputable Auftritte nach außen.

Letztendlich sind alle Mitarbeiter, die sich marketingorientiert verhalten, auch gute Therapeuten, denn sie bekommen zufriedene Patienten, die komplianter sind und kostengünstiger betreut werden können. Man müsste das Marketing sogar ins Sozialgesetzbuch schreiben, denn damit wird das Gesundheitswesen auf humane Art für Beschäftigte und für Patienten viel effizienter. (Interview: Andreas Frädrich)


© Medizinische Enzyklopädie 2010

Statistik: abnehmende Zahl der Krankenhäuser in Bayern