20.05.2009 - Impfung von Pferden gegen das West-Nil-Virus in der Bundesrepublik Deutschland
Prof. Dr. med. vet. Hermann Müller, Tierärztin Juliane Prell
Prof. Dr. med. vet. Hermann Müller (li), Direktor am Institut für Virologie an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, zum Gefahrenpotential von West-Nil-Fieber bei Pferden in Deutschland.
Juliane Prell (re) ist Tierärztin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut. In einem vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) geförderten Forschungsvorhaben führt sie Untersuchungen zur West-Nil-Virus-Epidemiologie in Deutschland durch.
Ausbrüche des West-Nil-Fiebers bei Pferden im Norden der Provinz Ferrara (Italien) im Oktober 2008 und die nur wenig später, im November 2008, erfolgte Zulassung eines Impfstoffs gegen diese Erkrankung bei Pferden haben das Interesse der Pferdehalter verstärkt auf diese Virusinfektion gerichtet. Dies wird sicher auch unterstützt durch das plötzliche Auftreten des West-Nil-Virus in Nordamerika, wo es sich in den Jahren 1999 bis 2004 sehr schnell über den ganzen Subkontinent ausgebreitet und inzwischen auch große Teile Mittel- und Südamerikas erreicht hat.
Obwohl in der Bundesrepublik Deutschlang bislang weder bei Mensch noch Tier Erkrankungen durch dieses zoonotische Virus bekannt geworden sind, führen hier mehrere Arbeitsgruppen – sicher auch angeregt durch das Geschehen in Nordamerika – epidemiologische Untersuchungen zu seiner Verbreitung durch. Zur Anwendung kommen dabei der Nachweis spezifischer Antikörper im Blut verschiedener Vogelarten und von Pferden sowie Versuche zum Nachweis des Virusgenoms in Proben von Wild- und Standvögeln sowie von Freiland-Geflügel.
Nach den bisher bekannt gewordenen Ergebnissen wurden bei einigen Vogelarten in bis zu 10 % der Serumproben (vor allem von jungen Weiss-Störchen) Antikörper nachgewiesen, allerdings nur in geringer Menge. Alle Versuche zum Nachweis des Virusgenoms mit Hilfe der sehr empfindlichen Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR) blieben jedoch bisher ohne positives Ergebnis. Hierzu zählen auch eigene Untersuchungen an Vogelproben aus dem Bodensee-Gebiet und der Oberrheinischen Tiefebene. In den Seren von Pferden, auch von solchen mit neurologischen Symptomen, konnten West-Nil-Virus-spezifische Antikörper nicht nachgewiesen werden.
Wie bereits dargestellt, gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Hinweise auf die Anwesenheit des West-Nil-Virus in Deutschland. Sein plötzliches Auftreten kann jedoch, vor allem aufgrund der Klima-Erwärmung und einer damit zusammenhängenden Erhöhung der Vektoren-Dichte (Culex-, Aedes- und Anopheles-Arten) sowie einer erhöhten Reise- und Transport-Aktivität bei Mensch und Tier, nicht ausgeschlossen werden.
Pferdehalter sollten daher den nachfolgend genannten akuten Krankheitssymptomen ihre besondere Aufmerksamkeit widmen: Ataxie, Gliedmaßenschwäche, Hinfälligkeit, Schwierigkeiten beim Aufstehen, oder beides, faszikuläre Zuckungen, Fieber, Lähmung, Herunterhängen der Lippen, Verzerrung der Gesichts- und Mundmuskulatur. Hinzu kommen weitere Zeichen einer Enzephalitis: Teilnahmslosigkeit, Übererregbarkeit, Koma, Vorwärtsdrängen, Anlehnen, Kreisbewegungen, Schluckbeschwerden.
Andere virale Infektionen (unter anderem Tollwut, EHV-1, Bornasche Krankheit, Equine Influenza, Afrikanische Pferdepest, EEE und WEE) sowie zahlreiche nicht-infektiöse Krankheitsursachen sind auszuschließen. Die Inkubationszeit einer West-Nil-Virus-Infektion wird für das Pferd mit 3 bis 15 Tagen angegeben.
Die im vergangen Jahr erfolgte Zulassung eines Impfstoffs gegen das West-Nil-Virus für Pferde macht bei einem in Deutschland bekannt gewordenen Infektionsgeschehen ein rasches Eingreifen möglich. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch, ohne Hinweise auf ein solches Geschehen, würde die Impfung zu serologisch positiven Tieren führen, welche die epidemiologische Überwachung und eine serologische Diagnose sehr erschweren würden.
Fraglos sind Pferde, die – auch vorübergehend - in bereits endemische Gebiete verbracht werden sollen, rechtzeitig einer Schutzimpfung zu unterziehen; diese ist in den Equidenpass (Pferdepass) einzutragen. Bei der Einfuhr aus Drittländern oder dem innergemeinschaftlichen Verbringen von Pferden aus endemischen Gebieten sind die gesetzlichen Bestimmungen zu beachten.
Weitere Informationen: Institut für Virologie an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig - http://www.vmf.uni-leipzig.de/ik/wvirologie/
© Medizinische Enzyklopädie 2010