Nach einer Mitteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Entscheidung über eine endgültige Vernichtung der letzten Proben von Pockenvirus (Variola-Virus) nochmals um 4 Jahre verschoben. Geplant eine Befragung der Referenzlabors durch die WHO im Jahr 2010, bei der der Forschungsbedarf an Pocken nochmals erhoben werden soll. Davon abhängig soll dann in einem Antrag an die 64. Weltgesundheitsversammlung im Jahr 2011 die Zerstörung der letzten Pockenvirusstämme beschlossen werden. Eigentlich war die Vernichtung der seit Mai 1980 als eradiziert geltenden Pocken bereits beschlossen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verweigerte jedoch die amerikanische Regierung die Vernichtung der Pocken mit dem Hinweis auf mögliche terroristische Anschläge.
Offiziell gibt es derzeit nur zwei Lagerstätten für Pockenvirusstämme: Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta (USA) und Institut Vector, Nowosibirsk (GUS). Ob es daneben noch illegale Lagerstätten gibt oder ob Terrorgruppen im Besitz von Pockenviren sind, kann nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden. Es wird immer wieder spekuliert, dass Pockenviren in Gräbern im Permafrost infektiös geblieben sein könnten. Insbesondere in Regionen, wie zum Beispiel Yakutien, könnte dies der Fall sein. In Anbetracht der diversen Bauprojekte (Pipelines!) in Sibirien wäre ein Freisetzung von alten Gräbern durchaus vorstellbar. Auch lässt sich mit den neuen Erkenntnissen der Gentechnik zukünftig nicht ausschließen, dass Pockenvirus aus kriminellen oder weltanschaulichen Gründen hergestellt werden könnten. Die bereits erfolgte synthetische Herstellung von Poliovirus verdeutlicht diese Möglichkeit.
Beim Pockenvirus, dem Variola-Virus, handelt es sich um einen Vertreter der Poxviridae, Genus Orthopoxvirus. Antigenetisch ist das Pockenvirus eng mit dem heute noch in Westafrika zirkulierenden Affenpockenvirus verwandt. Bei diesem seit Ende der 1970er Jahre eradizierten Virus, war der Mensch das einzige Reservoir. Somit konnten Ansteckungen auf aerogenem Weg nur von infizierten auf nicht-infizierte Menschen erfolgen. In Abhängigkeit von physikalischen Faktoren, wie Trockenheit, Luftfeuchtigkeit oder Kälte, bleibt der Erreger in der Umwelt zum Beispiel über viele Wochen infektiös. Die Inkubationszeit der Pocken betrug 12 bis 14 Tage. An Pocken Erkrankte waren mit Beginn des Fiebers und für die Dauer des Exanthems, etwa 3 Wochen, infektiös. Mit fortschreitender Dauer der Erkrankung nahm die Infektiosität ab.
Das klinische Bild der Pocken war durch die typischen Effloreszenzen geprägt. Kurz nach dem Fieberbeginn schossen die Hauterscheinungen mit Papeln auf, die in der Folge zu eitergefüllten Blasen und schließlich zu verkrustenden Pusteln wurden. Im Gegensatz zu den Windpocken boten die Effloreszenzen ein monomorphes Bild. Die Mehrzahl der an Pocken erkrankten Menschen überlebten die Erkrankung mit einer ausgeprägten Narbenbildung. Als Komplikation galten hämorrhagische Verläufe. Bei Personen mit einer Teilimmunität kam es zu leichteren Verläufen mit einer niedrigeren Letalität.
Während in den 1970er Jahren keine spezifische Therapie zur Verfügung stand, sind heute antivirale Substanzen, wie Cidofovir, wahrscheinlich wirksam. Durch Plasmaspenden von kürzlich geimpften Soldaten der US Armee, steht nun auch wieder Vaccinia-Hyperimmunglobulin zur Verfügung, das zur Behandlung von Erkrankten oder als Postexpositionsprophylaxe eingesetzt werden kann.
Die Eradikation der Pocken, ein Meilenstein in der Geschichte der WHO, gelang durch konsequente Durchimpfung der Population sowie Abriegelsimpfungen bei Ausbrüchen. Die Vaccinia-Impfung war jedoch mit erheblich Nebenwirkungen behaftet. Impfkomplikationen, die in seltenen Fällen auch letal verliefen, kamen vor. Für den Notfall wurden auf Veranlassung der Bundesregierung vor kurzem nochmals 100 Millionen Dosen des Vaccinia-Impfstoffs für Deutschland hergestellt, die jetzt eingelagert wurden.
Derzeit rechnet niemand mit dem Wiederauftreten bzw. einer Einschleppung von Pocken. Trotzdem wurde rein vorsorglich ein Bund-Länder-Rahmenkonzept erarbeitet, das auf den vier Säulen, Diagnostik, seuchenhygienischen Maßnahmen, Organisation von Schutzimpfungen und der Behandlung, basiert (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Nachrichtenagentur und Enzyklopädie 2009