30.05.2007 - Dermacentor reticularis in Deutschland

Auwaldzecke: Neuer potenzieller Vektor für Erkrankungen

Neben der in Deutschland weit verbreiteten Zeckenart, Ixodes ricinus ("gemeiner Holzbock"), die als Überträger der Borreliose und Frühsommermeningoenzephalitis inzwischen zunehmend von hoher medizinischer Relevanz ist, hat sich eine weitere Zeckenart, Dermacentor reticularis (Auwaldzecke), in den letzten Jahren ausgebreitet. Es wird angenommen, dass diese Zeckenart ursprünglich durch Vögel nach Deutschland importiert wurde und sich inzwischen hierzulande stabil etabliert hat.

Auwaldzecken gelten in Südost- und Osteuropa als Überträger der Hasenpest (Tularämie), Q-Fieber, diversen Rickettsiosen sowie des Omsker hämorrhagischen Fiebers. Bei diesen Erkrankungen handelt es zum Teil um schwere, teilweise letal verlaufende Infektionen. Auch für den Hund kann der Stich einer Auwaldzecke gefährlich sein. Als typische canine Erkrankung gilt die Babesiose, die wie Untersuchungen gezeigt haben, deutlich zugenommen hat. 

Als Wirtstiere der Auwaldzecke gelten diverse Kleinnager, wie Mäuse und Ratten, sowie Hasen, Wildschweine und Hunde. Die Auwaldzecke unterscheidet sich von Ixodes ssp. durch ihre Größe und ihre Tüpfelung auf dem Rücken. Die adulte weibliche Zecke hat eine Größe von 3-5 mm und kann vollgesogen eine Länge von 20 mm erreichen. Auf dem hellen Rücken dieser Spinnentiere zeigt sich eine braune, streifige Tüpfelung. Die männliche Zecke weist eine blaugraue Zeichnung auf. Im Gegensatz zu Ixodes, deren Beutesuche passiv ist, bewegt sich die Auwaldzecke aktiv auf ihr Opfer zu. Dabei können diese Zecken auf ihre Beute, die sich in einem Abstand von 1 Meter befindet, zulaufen.

Beim Stich einer Auwaldzecke kann es beim Menschen durch die im Speichel bzw. den Speicheldrüsen enthaltenen Neurotoxinen auch zu einem vorübergehenden Unwohlsein kommen. In den USA wurde bereits wiederholt über akute, symmetrische, aufsteigende, schlaffe Lähmungen berichtet, die im Zusammenhang mit einem Zeckenstich durch andere Dermacentor ssp., nämlich Dermacentor andersoni und Dermacentor variabilis aufgetreten waren. Dieses neue Krankheitsbild wird in den USA als "Tick Paralysis" bezeichnet. Das durch den Zeckenstich übertragene Neurotoxin bewirkt eine Reduktion der Aktionspotentiale der Motoneurone sowie der Wirkung des Azetylcholins, was die Lähmungen erklärt. Die klinischen Beschwerden beginnen 4 bis 7 Tage nach dem Beginn des Saugaktes. Die Lähmungen sind aszendierend und nehmen innerhalb weniger Stunden zu.

Typische Symptome sind hierbei zum Beispiel eine Ophthalmoplegie, Dysarthrie und Areflexie. Untersuchungen zeigten auch eine Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit. Mit ausschlaggebend für die klinische Symptomatik scheint zudem die Lokalisation des Zeckenstiches zu sein. Ein sensorischer Ausfall ist eher selten. Auch bestehen in der Regel keine Schmerzen. Zu einer Besserung der Symptomatik kommt es innerhalb von 24 Stunden nach der Entfernung der Zecke.

Wird die Zecke nicht entfernt, kann es infolge einer Lähmung des Atemzentrums zum Tod kommen. Nach bisherigen Beobachtungen wird in den USA davon ausgegangen, dass alle Altersklassen betroffen sein können. Über etwaige Residuen nach Zecken-Lähmung liegen keine Untersuchungen vor. Ob auch die in Deutschland vorkommende Auwaldzecke die gleichen neurologischen Beschwerden verursachen kann, ist noch unklar.    

Veterinärmedizinische Untersuchungen am Surrogatmarker "Hundebabesiose" zeigten, dass die Auwaldzecke bereits gehäuft im Raum Magdeburg, Leipzig, Frankfurt/Main, Tübingen, Bonn, Saarland und dem Ruhrgebiet vorkommt. Die Ausbreitungsrichtung ist vom Süden nach Norden.

Durch Auwaldzecken übertragene relevante humanpathogene Infektionen wurden bislang in Deutschland nicht beobachtet. Da sich dieser Vektor jedoch inzwischen flächendeckend über Deutschland ausgebreitet hat, besteht daher die theoretische Möglichkeit der Übertragung diverser Infektionen. Aus diesem Grunde sollte bei unklaren Krankheitsbilder differenzialdiagnostisch nach einem Zeckenstich auch die durch Dermacentor reticularis übertragenen Infektionen gedacht werden (Prof. Dr. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010