Bereits vor 20 Jahren wurde die Hypothese aufgestellt, dass die prä*- und neonatale** sowie frühkindliche Ernährung starke Auswirkungen auf den langfristigen Gesundheitszustand und das Wohlbefinden hat. Erkrankungen wie zum Beispiel das metabolische Syndrom (Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes, hohe Bluttfettwerte, Gefäßkrankheiten), Osteoporose, Asthma, Depressionen und Krebs können bereits im frühen Lebensalter geprägt werden.
Das bedeutet, dass ein Ernährungsstimulus während einer sensiblen und entscheidenden Phase des prä- und postnatalen Lebens bleibende Folgen auf Struktur, Physiologie und Stoffwechsel hat. Diesen Prozess nennt man "Programmierung". Großangelegte Studien in Europa, USA und Asien haben einen starken Zusammenhang zwischen niedrigem Geburtsgewicht bzw. geringer Nährstoffversorgung und einem steigenden Risiko der Entwicklung von chronischen Krankheiten im späteren Leben gezeigt.
14.02.2007 - Auswirkung der neonatalen und frühkindlichen Ernährung auf den langfristigen Gesundheitszustand
Gefahr erkannt – Gefahr gebannt!
Für diese bahnbrechende Forschung auf dem Gebiet der Diätetik, Ernährung und chronischen Erkrankungen beim Erwachsenen wurde der Mediziner Professor David Barker und seine Kollegen von der Southampton University in England und der Oregon Health and Science University in USA ausgezeichnet.
Die Frage, ob die frühkindliche Ernährung die Neigung zu Erkrankungen im Erwachsenenalter – unabhängig vom Lebensstil – begünstigt, ist für das Gesundheitssystem von hohem Belang. Daraus lassen sich neue Ernährungskonzepte und Strategien für die Prävention von chronischen Erkrankungen im Erwachsenenalter ableiten. Der Fokus sollte vor allen Dingen auf der Ernährung von Mädchen, jungen Frauen und deren Babys sowie auf dem Lebensstil von Männern und Frauen mittleren Alters liegen.
Besonders in der Schwangerschaft, der pränatalen Phase, sollten schon die ersten Grundsteine gelegt werden, denn während der Schwangerschaft wird das Kind vollständig über den Blutkreislauf der Mutter versorgt. Nur eine ausgewogene Ernährung mit der ausreichenden Aufnahme an Makro- und Mikronährstoffen stellt sicher, dass es der Mutter gut geht und das ungeborene Baby sich optimal entwickeln kann. Dabei spielen mittlerweile auch die essentiellen Fettsäuren im Rahmen der pränatalen Ernährung eine wichtige Rolle. Sie können für das Wachstum des Fötus und die Entwicklung des Neugeborenen von entscheidender Bedeutung sein, denn bei einer Unterversorgung kann es zu Wachstumsretardierungen kommen.
Das hat zur Folge, dass der Fötus nicht normal im Mutterleib wächst und sich entwickelt. Ein solcher Fötus hat als Neugeborenes ein niedriges Geburtsgewicht und wird aller Wahrscheinlichkeit als Erwachsener anfälliger für kardiovaskuläre Erkrankungen, Bluthochdruck, Atemwegserkrankungen und Diabetes sein. Dies belegt wieder einmal, dass nicht nur das bekannte "Schwangerschaftsvitamin" Folsäure essentiell für die pränatale Entwicklung und "Programmierung" ist, sondern auch andere Makro – und Mikronährstoffe wie zum Beispiel Fett mit den darin enthaltenen mehrfach ungesättigten Fettsäuren.
Da das Phänomen "Übergewicht im Kindesalter" in Europa (vor allem Südeuropa) stetig zunimmt, legt man auch hier mittlerweile ein großes Augenmerk drauf. Heute ist bekannt, dass Übergewicht im Kindesalter bei ein bis zwei Dritteln im Erwachsenenalter fortbesteht. Mit dem Alter des Kindes, dem Grad des Übergewichts und bei ebenfalls übergewichtigen Eltern steigt auch das Risiko, übergewichtig zu bleiben. Dies führt im Erwachsenenalter zu einem erhöhten Krankheitsrisiko und erhöhter Sterblichkeit. Die pädiatrische Gesundheitsfürsorge hat somit zum Kampf gegen diese neue Epidemie aufgerufen.
Weitere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die frühkindliche Ernährung Einfluss auf das spätere Typ-1-Diabetesrisiko hat. Bei einer genetischen Vorbelastung könnte laut aktueller Untersuchungen eine Meidung von Kuhmilch über mindestens die sechs Lebensmonate das Risiko für Typ-1-Diabetes reduzieren.
Der Forschungsbedarf auf diesem Gebiet ist groß, aber eins steht fest: Die prä – und neonatale sowie frühkindliche Ernährung hat einen großen und vor allem langfristigen Einfluss auf den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden im Erwachsenenalter. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt wird das menschliche "System" langfristig "programmiert". Nach dem Motto "Gefahr erkannt – Gefahr gebannt!" versuchen Gesundheitspolitik und Industrie nun aus diesen Erkenntnissen präventive Strategien und Ernährungskonzepte abzuleiten.
* pränatal: Ernährung des Ungeborenen
** neonatal: Ernährung des Neugeborenen
© Medizinische Enzyklopädie 2010
