04.01.2007 - Shigellose: Neue Life Style-Infektion bei Homosexuellen

Infektionen bei homosexuellen Männern

Die Shigellose (bakterielle Ruhr) ist eine weltweit vorkommende, häufige Ursache von Durchfallserkrankungen. Schätzungen gehen von 165 Millionen Erkrankungsfällen mit 1 Million Todesfällen pro Jahr aus. Bislang beschränkte sich die Shigellose auf Gegenden mit schlechten hygienischen Bedingungen. Eine deutliche Zunahme dieser Infektion in den USA weist jedoch auf eine neue epidemiologische Bedeutung dieser Infektion hin.

Allein in den USA werden jährlich 450.000 Shigellosen gemeldet. Die meisten dieser Fälle treten bei Kindern oder Heiminsassen auf oder sind reise-assoziiert. Seit den 1970er Jahren werden jedoch zunehmend Shigellosen auch bei Erwachsenen in New York und San Francisco beobachtet, was den Verdacht auf eine sexuelle Übertragung vermuten lässt.

Insbesondere treten diese Infektionen bei homosexuellen Männern auf. Als Übertragungsweg wurde daher direkter fäkal-oraler oder oral-analer Kontakt vermutet. Ein sexueller Übertragungsweg bei homosexuellen Sexualpraktiken wird umso wahrscheinlicher, da geringe Mengen des Erregers, d. h. es genügen bereits 10 Organismen, ausreichen, um nach oraler Aufnahme eine Infektion zu verursachen. In einer aktuellen Fallkontrollstudie aus San Francisco (Aragon TJ et al.: Clin. Infect. Dis. 44, 1. Feb. 2007) konnte jetzt nachgewiesen werden, dass die Shigellose bei homosexuellen Männern als sexuell übertragene Infektion (STD) anzusehen ist und insbesondere eine HIV-Infektion die Empfänglichkeit für diesen Keim erhöht.

Unter epidemiologischen und soziokulturellen Aspekten ist dieser neu bekannte Zusammenhang von Bedeutung. Bei homosexuellen Männern handelt es sich um eine geschlossene Gesellschaft, in der dieser Erreger schnell und effizient übertragen werden kann. Neue soziokulturelle Untersuchungen zeigen, dass bei HIV-infizierten Männern im Zeitalter der HAART-Therapie neue Verhaltensweisen beobachtet werden können. Hierzu gehört das "Serosorting", d. h. HIV-Infizierte haben Partner, die ebenfalls HIV-infiziert sind, um hierdurch bewusst unsicheren Sex zu praktizieren. Hierbei entstehen in den urbanen Zentren der USA ganze Netzwerke von HIV-infizierten Sexualpartnern. In diesen Zirkeln können sich Shigellen daher schnell und effizient ausbreiten.

Ein weiteres Problem bei HIV-positiven, Shigellen-infizierten Männern ist, dass in Folge der Immunsuppression mit einer höheren Infektiosität dieser Menschen zu rechnen ist. Dies wiederum erhöht das Risiko einer Shigellen-Infektion bei bei ano-oralen Kontakten.

Nach der Aufnahme der Shigellen kommt es zur Invasion der Dickdarmmukosa, was zur Entzündung und eitrig-blutigen Diarrhöen führt. Für die initialen Krankheitserscheinungen ist ein Enterotoxin, das sog. Shiga-Toxin, verantwortlich. Dieses Toxin verursacht sowohl zytotoxische als auch enterotoxische Effekte. Die Inkubationszeit beträgt 2 bis 4 Tage. Die Erkrankung beginnt mit leichten oder z. T. schweren wässrigen Durchfällen, Fieber, abdominellen Krämpfen, Kopfschmerzen und Arthralgien.

Der Stuhl kann nach 1 bis 2 Tagen eine himbeergelee-artige Konsistenz aufweisen, was durch Schleim-, Blut- oder Granulozytenbeimengungen bedingt ist. Typisch sind bis zu 20 tägliche Stuhlentleerungen mit Tenesmen. Klinisch relevant ist der erhebliche Wasserverlust. Ohne antibiotische Therapie dauert die Erkrankung bis zu 10 Tagen, wobei jedoch die Shigellen dann immer noch bis zu 4 Wochen mit dem Stuhl ausgeschieden werden. Bei immunsuppremierten Patienten kann es zur Shigellensepsis kommen. Zudem kann es durch die Schleimhautulzerationen im Darm zum Eindringen von anderen Darmbakterien, wie insbesondere Escherichia coli oder Klebsiella-Spezies kommen.

Für die Therapie sind die Chinolone, wie Ciprofloxacin oder Ofloxacin, Mittel der Wahl. Alternativ wird Cotrimoxazol eingesetzt. Durch die antibiotische Therapie wird die Dauer des Durchfalls reduziert und die Erreger aus dem Stuhl eliminiert. Neben der Antibiose ist die Substitution von Elektrolyten sowie die Stabilisierung des Flüssigkeitshaushalts notwendig. Aufgrund der Erfahrungen in den USA dürfte auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern bald mit einer Zunahme von Shigellosen bei HIV-positiven Männern gerechnet werden (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010