Das Oberflächenprotein (Surface Antigen) des Hepatitis-B-Virus (HBsAg) ist der erste Marker, der bei einer akuten Infektion nachgewiesen wird. Eine Persistenz von HBsAg definiert eine chronische Hepatitis-B-Infektion und gibt zugleich Hinweise auf die Infektiosität des Patienten. HBsAg weist eine große Variabilität auf. Unterschieden werden 8 Genotypen, mehrere Subgruppen und Subtypen sowie eine große Anzahl von Mutanten.
Aufgrund der hohen Fehlerrate der Hepatitis-B-Polymerase bei der Replikation entstehen ständig neue Varianten. Welche dieser Varianten sich durchsetzt, ist von der Vermehrungsfähigkeit des Virus und der Immunantwort des Wirtes abhängig. Als Zielstruktur für neutralisierende wie auch diagnostische Antikörper am HBsAg wurde der "major hydrophilic loop" identifiziert. Diese Region weist eine hohe Variabilität auf. Von den 59 Aminosäuren, die diesen "Loop" ausmachen, sind mindestens 39 variabel.
28.11.2006 - Hepatitis-B: Bedeutung von Virusmutanten für Impfung und Diagnostik
Aufgrund der hohen Fehlerrate der Hepatitis-B-Polymerase bei der Replikation entstehen ständig neue Varianten
Zu stabilen HBsAg-Mutanten kommt es zum Beispiel bei Kindern von chronisch Hepatitis-B-infizierter Mütter nach postpartaler aktiv-passiver Immunisierung. Des weiteren werden diese Mutanten bei lebertransplantierten Patienten mit vorbestehender Hepatitis-B unter Prophylaxe mit Hepatitis-B-Hyperimmunglobulin. Beobachtet wurden diese stabilen Mutanten auch durch Reaktivierung bei stammzelltransplantierten Patienten mit abgelaufener Hepatitis-B. In diesen Situationen findet die HBV-Replikation in Anwesenheit von Anti-HBs statt.
Weitere Möglichkeiten der Entstehung von stabilen Mutanten sind Mutationen im Polymerase-Gen unter Therapie mit Nukleosid oder Nukleosidanaloga. Eine Folge dieser Mutationen im HBsAg ist, dass sich das Virus so dem impfinduzierten Schutz entziehen kann. Auch kann es hierdurch zu falsch-negativen Nachweisen bei der Labordiagnostik des HBsAg kommen, da das mutierte HBsAg im Test nicht erkannt wird.
Beobachtungen aus Taiwan zeigten, dass sich durch eine Hepatitis-B-Impfung aller Neugeborener sich auch die Zahl der Träger von HBsAg-Mutanten senken ließ. Hepatitis-B-geimpfte Schimpansen erwiesen sich bei einem Challenge mit der HBV-Mutante Gly145Arg als geschützt. Aus diesen Befunden wird daher abgeleitet, dass es sich bei einer klinischen Hepatitis-B-Durchbruchsinfektion bei Geimpfen, die durch Kontakt mit einer Virusmutante erfolgen könnte, um ein seltenes Ereignis handelt.
Für die Hepatitis-B-Diagnostik ergibt sich durch die HBsAg-Mutanten das Problem, dass ein vorhandenes HBsAg unter Umständen nicht erkannt wird und der Test somit ein falsch-negatives Ergebnis erbringt. Probleme fanden sich insbesondere beim Labornachweis von Virusmutanten, die die HBsAg-a-Determinante aufwiesen. Grundsätzlich gilt, dass beim Vorliegen eines isolierten anti-HBc oder der Konstellation von anti-HBc und sehr niedrigem bis grenzwertigem anti-HBs, an die Möglichkeit eines falsch-negativen HBsAg gedacht werden sollte.
Als Gründe für ein isoliertes Anti-HBc gelten ein falsch-postives Testergebnis, ein anti-HBs-Verlust bei lange zurückliegender ausgeheilter Infektion, eine ausheilende akute Hepatitis B, eine chronische Hepatitis B oder eine chronische Infektion mit einer HBsAg-Escape Mutante. Gefordert werden daher HBsAg-Testsysteme, die alle bekannten HBsAg-Mutanten sicher nachweisen (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010