03.11.2006 - Gesundheits-Wirtschaft als Wachstumsmotor

Kommentar zur Regionalstudie "Die Berliner Gesundheitswirtschaft"

Was macht eine Stadt, die einen Ausweg aus der Finanzkrise sucht? Sie lässt eine Studie verfassen. Über die Chancen auf neuen Märkten, über Strategien für mehr Wirtschaftswachstum und für neue Arbeitsplätze. Mit positiven Nebeneffekten für den Stadthaushalt natürlich.

Großes Wachstumspotential hat derzeit vor allem die Gesundheitsbranche. Also wurde der Gesundheitsökonom Klaus-Dirk Henke mit der Analyse der Perspektiven  beauftragt, die sich in diesem Sektor für die Stadt Berlin bieten. Seine Regionalstudie "Die Berliner Gesundheitswirtschaft" ist inzwischen in einer zweiten, erweiterten Auflage erschienen – ein  Indiz, dass sie sich in Fachkreisen einer gewissen Wertschätzung erfreut. 

Inhaltliche Schwerpunkte

Nicht ohne Stolz verweist das Autorteam um Klaus-Dirk Henke auf seine neuartige Vorgehensweise. Während sich die bisher übliche Gesundheitsberichterstattung vorwiegend auf Gesundheitsstatistiken und epidemiologische Aspekte beschränkt, würden in dieser Regionalstudie erstmalig auch ökonomische Aspekte einbezogen.

Die Studie gliedert sich deshalb in zwei Teile: einen Statusbericht, in dem die Berliner Gesundheitswirtschaft portraitiert und analysiert wird. Darauf folgt dann ein Abschnitt, in dem Handlungsempfehlungen gegeben werden. Ist-Zustand und Soll-Zustand sozusagen.

Berlin wird von den Autoren als zukünftige Gesundheitsmetropole Deutschlands angesehen, daher sind die Handlungsempfehlungen vor allem strategischer Art. Parallel zum bereits existierenden "Masterplan Gesundheitsregion Berlin" wird ein Monitoring des Wachstums- und Beschäftigungspotentials angeregt, das regelmäßig den Soll- und Ist- Zustand der Berliner Gesundheitswirtschaft analysiert. Gefordert wird eine Stärken- und Schwächenanalyse, über die auch der Einsatz von staatlichen Fördermitteln gesteuert werden kann.

Neu ist auch die Zielvorgabe, ein Benchmarking mit anderen Bundesländern durchzuführen. Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsprüfungen und ein Vergleich mit anderen Konkurrenzstädten könnten dazu beitragen, im Gesundheits-Dienstleistungsbereich Kosten zu senken und mehr Effizienz zu erreichen.

Im bundesweiten Vergleich ist Berlin ist nämlich in einer ungünstigen Position: Wenn die Konvergenzphase abgeschlossen ist und die Leistungsvergütung über bundeseinheitliche Basisfallwerte vorgenommen wird, könnten die überdurchschnittlich teueren Berliner Krankenhäuser finanziell noch schlechter gestellt sein. Nicht ganz neu, aber nachvollziehbar sind daher die Vorschläge der Autoren,  Klinikstrukturen zu straffen,  Krankenhausbetten und Personal zu reduzieren und die Privatisierung des öffentlichen Dienstleistungssektors voranzutreiben.

An diesem Punkt zeigen sich aber auch die Grenzen dieser Studie: Für ein Benchmarking fehlt bisher das entsprechende Zahlenmaterial. Eine Konsequenz dieser Studie wäre also, weitere Untersuchungen der Teilmärkte der Berliner Gesundheitswirtschaft und anderer Bundesländer durchzuführen. Weitere Untersuchungen wären auch notwendig, um konkrete Vorschläge zu entwickeln,  wie die Standortvorteile Berlins -  Kernkompetenzen in der Biotechnologie und Medizintechnik; Schlüsselposition im internationalen Medizintourismus – gefördert werden könnten. 

Für welche Zielgruppe wurde das Buch geschrieben?
 
Das Fachbuch richtet sich an Führungskräfte aus Gesundheitspolitik und Gesundheitswirtschaft, die eine Entscheidungshilfe für die nächsten Jahre erwarten. Für Wissenschaftler und Journalisten ist vor allem der Anhang interessant. Dort finden sie Daten und Statistiken über die "Gesundheitsstadt" Berlin. Grundsätzlich werden beim Leser ein gewisses Fachwissen und natürlich Interesse für die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen der Stadt Berlin vorausgesetzt.

Viele Fakten auf Kosten der Lesbarkeit?

Die Autoren machen es dem Leser leicht. Am Beginn des Buches befindet sich eine kurze Zusammenfassung jedes Themenabschnitts. Dies vereinfacht die Suche nach interessanten Kapiteln und ermöglicht das Verständnis des Gesamtzusammenhangs. Gut ist auch die Idee, das Abkürzungsverzeichnis dem eigentlichen Text voranzustellen.

Das Buch sollte nicht als Branchenbuch mit Adressensammlung oder Linkliste verstanden werden. Im Sinne der Nutzerfreundlichkeit wäre der Anhang mit weiterführenden Internetadressen allerdings noch ausbaufähig.
(Holger Schmidt, Redaktion medixtra.com)  [mehr]