Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat kürzlich eine Übersicht zum Vorkommen von Gelbfieber veröffentlicht. Im Vergleich zu den Meldungen des Jahres 2004 haben die Fallzahlen 2005, bedingt durch mehrere Epidemien, erheblich zugenommen. Erkrankungsfälle mit Laborbestätigung wurden in 5 Ländern Südamerikas und 8 Ländern Afrikas nachgewiesen.
In Südamerika traten Infektionen wie bisher unverändert in Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Peru und Venezuela auf. Insgesamt wurden in diesen Ländern 117 laborbestätigte Gelbfieber-Fälle registriert. Mehr als Hälfte der Erkrankungen waren dabei in Peru aufgetreten. Die Letalität der Erkrankung betrug zwischen 31,8 und 100%. Das Überwachungssystem bzw. das Meldewesen gilt in diesen Ländern als gut, so dass die Datenqualität als gut eingeschätzt wird.
Im Gegensatz zu Südamerika ist die Surveillance in Afrika von Meldungen von klinischen Verdachtsfällen abhängig, weswegen mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet werden muss. Wegen oftmals fehlender Laboruntersuchungsmöglichkeiten beruht die Meldung eines Verdachtsfalles auf Fieber mit Ikterus. Im Jahr 2005 wurden aus 16 Ländern Westafrikas insgesamt 2.058 Gelbfieber-Erkrankungen gemeldet. Ländern mit Gelbfieber-Erkrankungen waren Benin, Burkina Faso, Demokratische Republik Kongo, Elfenbeinküste, Gambia, Ghana, Guinea, Kamerun, Kongo, Liberia, Mali, Niger, Senegal, Sierra Leone, Togo und Zentralafrikanische Republik. Die meisten Erkrankungsfälle traten im Zeitraum zwischen Ende August und Anfang März auf. Nur aus Guinea wurden Erkrankungsfälle ganzjährig gemeldet.
In Ostafrika beschränkten sich die Fallmeldungen auf den Sudan, wo es Anfang September 2005 in Südkordofan zu einer Epidemie mit 605 Erkrankungen, von denen 163Fälle tödlich verliefen, gekommen war. Durch eine daraufhin eingeleitete Impfkampagne konnte eine Durchimpfrate von 91% der 1,6 Millionen Impflinge erzielt werden. Die letzte Epidemie in dieser Region war in den 1940er Jahren beobachtet worden. Die aktuelle Übersicht der WHO bestätigt, dass Gelbfieber in den ostafrikanischen Urlaubsländern, wie Tanzania und Kenya, derzeit von untergeordneter Bedeutung ist.
Nach den Regularien der WHO bedarf es bereits beim Nachweis von nur einem Gelbfieberfalles bereits einer entsprechenden Response, d. h. abhängig vom Infektionsort und der Art der Viruszirkulation (sylvatisch, urban bzw. intermediär) müssen rasch entsprechende epidemiologische Untersuchungen eingeleitet werden, um so hierdurch geeignete Bekämpfungsstrategien zu entwickeln. Die WHO entsendet hierfür multidisziplinäre Teams bestehend insbesondere aus Entomologen, Virologen sowie Public Health-Experten, die die notwendigen Maßnahmen festlegen.
Die Übersicht der WHO belegt, dass eine Gelbfieber-Impfung bei Reisen in aktuelle Infektions- bzw. Endemiegebiete durchaus weiterhin indiziert ist. Seit Juli 2006 gelten für die Gelbfieber-Impfung geänderte Anwendungshinweise. So ist die Impfung für Personen im Alter von 9 Monaten bis 60 Jahre bei entsprechender reisemedizinischer Indikation weiterhin zugelassen. Wegen eines erhöhten Risikos für die insgesamt sehr seltene, jedoch äußerst schwere Nebenwirkung, der vakzine-assoziierte neurotropen oder viszerotropen Erkrankung, die bei älteren Menschen häufiger aufzutreten scheint, dürfen Personen ab 60 Jahren zukünftig nur geimpft werden, wenn ein hohes Infektionsrisiko besteht.
Für den Fall der Nicht-Impfung (zum Beispiel bei Kreuzfahrtreisen im Indischen Ozean, Ostküste Südamerikas oder Westküste Afrikas) muss eine ärztliche Bescheinigung ("Certificate of Exemption") ausgestellt werden, aus der hervorgeht, dass der Reisende wegen des Alter nicht geimpft wurde. Ob dem Reisenden mit diesem Attest die Einreise bei bestehenden Impfvorschriften erlaubt wird, kann nicht vorhergesagt werden. (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010