Als Ursache für rezidivierende Infektionen der weiblichen Harnblase wurden bislang meist iatrogene Ursachen angeschuldigt. So wurde der Intestinaltrakt und die Vagina als Reservoir angesehen, was bedeutete, dass die Keime, insbesondere E. coli, mitunter durch falsche Hygienepraktiken in die Blase gelangten.
Neue Untersuchungen (Mysorekar IU et al.: Mechanisms of uropathogenic Escherichia coli persistence and eradication from the urinary tract. Proc Natl Acad Sci USA 103:14170-14175 (2006)) belegen jedoch, dass uropathogene E. coli in Epithelzellen der Harnblase in einem Ruhezustand persistieren können und damit eine stetige Quelle für Rezidive bilden. Die Schlussfolgerung dieser wegweisenden Untersuchung ist, dass die Therapie von rezidivierenden Infektionen des Urogenitaltrakts neben einer antibiotischen Behandlung eine verstärkte Exfoliation der Harnblasenepithelzellen bewirken sollte.
In den USA erkranken jährlich etwa 8 Millionen Frauen an einer akuten Zystitis. In 25% der Fälle kommt es innerhalb von 6 Monaten zu einem Rezidiv. Die derzeitigen Therapieregime unterscheiden nicht zwischen einer akuten oder rezidivierenden E. coli-Infektion, da von beiden angenommen wird, dass die Infektionsquelle außerhalb der Harnblase, insbesondere im Intestinaltrakt oder der Vaginalschleimhaut, liegt. Da sich die Rezidivrate durch eine tägliche perineale oder periurethrale antibiotische Therapie jedoch nicht senken lässt, müssen andere Faktoren hierfür verantwortlich sein.
In etwa 68% der Fälle wird das Rezidiv durch den identischen E.coli-Stamm verursacht. Auch sind Rezidive mit dem gleichen Bakterienstamm noch bis zu einem Jahr möglich. Aus Biopsien von Harnblasengewebe ließ sich trotz antibiotischer Therapie und sterilem Urin bei einem Viertel der Frauen noch Bakterien anzüchten. Diese Befunde ließen daher vermuten, dass die Harnblase selbst das Reservoir für rezidivierende Infektionen des Urogenitaltrakts sein könnte.
In einem murinen Modell wurde jetzt gezeigt, dass uropathogene E. coli in Zellen der Harnblase in einem latenten Ruhezustand persistieren können. So wurde E. coli in Lamp1+ Endosomen im Blasenepithel nachgewiesen. Voraussetzung der Persistenz war der Zustand des Epithels zum Zeitpunkt der initialen Infektion. Die Bakterien konnten in terminalen differenzierten oberflächlichen Zellen wie auch in den darunter liegenden ausreifenden Epithelzellen nachgewiesen werden. Die Behandlung von Harnblasen, bei denen ausschließlich oberflächliche Epithelzellen infiziert waren, mit Protaminsulfat, einem Heparinantagonisten, führte zu einer epithelialen Exfoliation, wodurch eine 100 %ige Elimination der Bakterien aus der Harnblase gelang.
Waren jedoch die Zellen der darunter liegenden Epithelschichten betroffen, führte eine Stimulation des Zellwachstums zum Wiederauftreten von vermehrungsfähigen Bakterien und dadurch zu einem Rezidiv. Auch erklären diese Befunde die häufigen asymptomatischen Bakteriurien. Diese im Tiermodell gewonnenen Befunde müssen jetzt in klinischen Studien am Menschen bestätigt werden.
Schon jetzt lässt sich vorhersagen, dass diese Befunde Konsequenzen für die Therapie von akuten Zystitiden haben werden. Neben der bisherigen antibiotischen Behandlung, die entweder bakterizid oder bakteriostatisch durchgeführt wurde, müssen die in Epithelzellen persistierenden Bakterien eliminiert werden (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010