26.09.2006 - HIV-Postexpositions-Prophylaxe: Wann ist sie indiziert?

Empfehlungen aktualisiert

In der Schweiz wurden bereits 1997 Empfehlungen zur HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP) außerhalb des medizinischen Bereichs (non-occupational postexposure prophylaxis (nPEP)) erarbeitet. Diese Empfehlungen umfassten eine akzidentielle Exposition mit Blut oder Genitalsekret, wie zum Beispiel bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr, Sexualverkehr, bei welchem das Kondom wegrutscht oder platzt oder die Verwendung von bereits durch andere benutzte Injektionsmaterialien.

Zwar wurde die Wirksamkeit der nPEP nie in retrospektiven Fall-Kontrollstudien evaluiert, jedoch entsprachen die Empfehlungen der klinischen Praxis in vielen Industrieländern. Bisherige Grundlage der Empfehlungen der nPEP waren theoretische Überlegungen basierend auf der Pathogenese der HIV-Infektion, Untersuchungen im Primatenmodell, retrospektive Fall-Kontrollstudien bei HIV-exponiertem, medizinischen Personal sowie ein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Erst kürzlich wurden diese Empfehlungen aktualisiert. Die Empfehlungen besagen, dass eine PEP nach ungeschütztem Sexualkontakt mit einem HIV-infizierten Partner eine HIV-Infektion in vielen Fällen verhindern kann. Um eine Wirksamkeit zu garantieren, muss die PEP möglichst rasch, d. h. innerhalb von 24 Stunden eingeleitet werden. Erfolgt der Beginn der PEP später als 24 Stunden, gilt eine Wirksamkeit als eher unwahrscheinlich. Grundlage für die Indikationsstellung ist die Infektion des Sexualpartners. Die HIV-Infektion muss daher beim Partner gesichert sein. Die Zeitdauer der Einnahme der PEP umfasst mindestens 2 Wochen.

In Anbetracht der Packungsgrößen gilt eine Einnahmedauer von 4 Wochen als sinnvoll. Neu an den Empfehlungen ist jedoch eine Änderungen hinsichtlich der Indikationsstellung zur nPEP bei Kontakt mit HIV-infizierten Sexualpartnern, die unter einer antiviralen Therapie stehen. Es ist seit längerem bekannt, dass HIV-Infizierte unter antiviraler Therapie meist nur eine sehr niedrige, wenn überhaupt messbare Viruslast aufweisen. Das Risiko sich bei diesen Personen durch Sexualverkehr anzustecken, wird daher als sehr gering angesehen, weswegen auf eine nPEP verzichtet werden kann. Nach erfolgter nPEP sollte eine Nachkontrolle nach 3 Monaten erfolgen; weitere Kontrollen werden als unnötig angesehen.

Eine breite Durchführung der nPEP erwies sich als wenig kosten-effizient, wie eine neue Studie aus Frankreich jetzt belegte (Herida M et al.: Cost-effectiveness of HIV post-exposure prophylaxis in France. AIDS 20:1753-1761 (2006)). Eine Kosten-Nutzen-Analyse der möglichen Expositionsszenarien ergab, dass eine nPEP lediglich bei Exposition mit einem Partner mit unbekanntem HIV-Serostatus und rezeptivem Analverkehr mit einem Mann indiziert ist. Bei allen anderen Arten des Sexualkontakts erwies sich die nPEP als nicht indiziert. Grundsätzlich muss jedoch betont werden, dass eine nPEP nur als ultimo ratio gilt.

Die empfohlenen Kombinationen der nPEP umfassen entweder einen Proteaseinhibitor + 2 Reverse Transkriptase-Inhibitoren oder Efavirenz + 2 Reverse Transkriptaseinhibitoren oder 3 reverse Transkriptaseinhibitoren. Bei Schwangeren ist zu beachten, dass Efavirenz potenziell teratogen ist und daher während der Schwangerschaft nicht verordnet werden darf. Sinnvoller ist es grundsätzlich eine HIV-Exposition durch die Verwendung von Kondomen zu verhindern (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010