den USA wurde in den letzten Monaten wiederholt akute, symmetrische, aufsteigende, schlaffe Lähmungen beobachtet, die im Zusammenhang mit einem Zeckenstich aufgetreten waren. Dieses neue Krankheitsbild, bezeichnet als "Tick Paralysis", trat vor allem im Bundesstaat Colorado auf, wo es erstmals 2006 zu einer Häufung von Erkrankungsfällen gekommen war. Ursächlich angeschuldigte Zeckenart waren Dermacentor ssp., insbesondere Dermacentor andersoni (Rocky-Mountain Waldzecke) und Dermacentor variabilis (amerikanische Hundezecke). Aufgrund der Verbreitungsgebiete dieser Zecken muss auch in anderen Gegenden Nordamerikas mit diesem Krankheitsbild gerechnet werden.
11.09.2006 - Lähmung nach Zeckenstich
In der Differenzialdiagnose von akuten Paralysen berücksichtigen
In älteren Arbeiten wurde bereits darauf hingewiesen, dass auch andere Zeckenarten akute Lähmungen verursachen können. Im Gegensatz zu den bekannten erregerübertragenen, zeckenassoziierten Infektionen, die Lyme-Borreliose, Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Ehrlichiose, Rückfallfieber, diversen Rickettsiosen, Babesiose, hämorrhagisches Krim-Kongo-Fieber, Omsker hämorrhagisches Fieber, Q-Fieber und Tularämie, nimmt man an, dass die Zecken-Lähmung durch ein Toxin verursacht wird, das durch den Stich mit dem Zeckenspeichel übertragen wird. Während des Saugvorganges bewirkt das Toxin eine Reduktion der Aktionspotentiale der Motoneurone sowie der Wirkung des Azetylcholins, was die Lähmungen erklärt. Die klinischen Beschwerden beginnen 4 bis 7 Tage nach dem Beginn des Saugaktes.
Die Lähmungen sind aszendierend und nehmen innerhalb weniger Stunden zu. Typische Symptome sind hierbei zum Beispiel eine Ophthalmoplegie, Dysarthrie und Areflexie. Untersuchungen zeigten auch eine Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit. Mitausschlaggebend für die klinische Symptomatik scheint zudem die Lokalisation des Zeckenstiches zu sein. Ein sensorischer Ausfall ist eher selten.
Auch bestehen in der Regel keine Schmerzen. Zu einer Besserung der Symptomatik kommt es innerhalb von 24 Stunden nach der Entfernung der Zecke. Wird die Zecke nicht entfernt, kann es infolge einer Lähmung des Atemzentrums zum Tod kommen. Nach bisherigen Beobachtungen wird davon ausgegangen, dass alle Altersklassen betroffen sein können. Über etwaige Residuen nach Zecken-Lähmung liegen keine Untersuchungen vor.
Da es sich bislang in den USA bei der Zecken-Lähmung nicht um eine meldepflichtige Erkrankung handelt, ist die Inzidenz dieses Krankheitsbildes noch unklar. Routinemäßige spezifische Testmöglichkeiten stehen derzeit nicht zur Verfügung. Ob und wie häufig dieses Krankheitsbild in anderen Teilen der Welt vorkommt, ist ebenfalls unbekannt. Aufgrund der klinischen Ähnlichkeit insbesondere zum Guillain-Barré-Symdrom, für das ebenfalls keine spezifische Diagnostik zur Verfügung steht, sollte die Zecken-Lähmung durchaus in die differenzialdiagnostischen Überlegungen mit einbezogen werden. Auch Botulismus kann sich unter ähnlichen klinischen Beschwerden äußern. Bei Patienten mit unklaren schlaffen Lähmungen sollte daher nach einer möglichen Zeckenexposition, wie z. B. nach einem Aufenthalt im Freien, an eine Zecken-Lähmung gedacht werden (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010