Auf mehr als 30 Foren, Workshops und Diskussionsrunden des 6. Kongresses "HIV im Dialog" im Roten Rathaus Berlin tauschten sich rund 500 Experten, Betroffene und Interessierte zum Thema HIV/AIDS aus. Zahlreiche nationale und internationale Initiativen berichteten über Erfolge und Misserfolge im Kampf gegen HIV/AIDS sowohl in Dritte-Welt-Ländern als auch hierzulande.
05.09.2006 - HIV/ AIDS: Dialog jenseits von Afrika
Jenseits von Afrika? Lessons learned und die Folgerungen für die Therapie von Migranten
Die Zahl der HIV-Erstdiagnosen ist in den letzten Jahren in Deutschland, wie auch in vielen anderen Industriestaaten, deutlich angestiegen. Dies nahm der Kongress HIV im Dialog 2006 zum Anlass, sich dem Erfahrungsaustausch zu neuesten medizinischen Entwicklungen im Bereich HIV/Aids und Fragestellungen rund um die Prävention zu widmen. Auch die Probleme der antiretroviralen Therapie bei (insbesondere afrikanischen) Migranten in Deutschland war Diskussionsthema.
Knapp 26 Millionen HIV-Infizierte leben in der Subsahara-Zone (UNAIDS/AIDS WHO 2005). Nach wie vor blockieren soziale, ökonomische, kulturelle und politische Faktoren sowie die Eigendynamik unzähliger Hilfsinstitutionen wesentliche Fortschritte der HIV/AIDS-Therapie in Afrika: autoritäre Staatsformen, Stammeskriege, Analphabetismus, Magie, Stigmatisierung, abwanderndes Medizinpersonal, fehlende medizinische Infrastruktur.
Etwa jeder fünfte der 7,3 Millionen Migranten in Deutschland stammt aus Afrika oder Asien, 21% aller HIV-Infizierten in der Deutschland kommen aus der Dritten Welt. Dr. Nzimegne-Gölz vom Praxiszentrum Kaiserdamm in Berlin wies darauf hin, dass HIV-infizierte Migranten den gesonderten sprachlichen und nicht-sprachlichen Dialog mit der westlichen Medizin brauchen, bevor therapeutische Interventionen möglich sind.
Die Mehrheit afrikanischer Patienten hat und will keinen Zugang zu Behandlungen ("Noncompliance"), eine Folge kulturell bedingter Missverständnisse und Ängste. Migranten aus Afrika haben viele existenzielle Probleme: unsicherer Aufenthaltsstatus, mangelnde Krankenversicherung, drohende Abschiebung, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Delegationskonflikte gegenüber der Herkunftsfamilie, patriarchalische Familienstruktur und Polygamie, sexuelle Tabus, grundverschiedene Medizinkonzepte (traditionelle versus westliche Medizin).
Sehr hinderlich für die adäquate Versorgung sind rationale und irrationale Ängste der Migranten, die auf einen erschütternden Mangel an Wissen über die Verbreitung der HIV-Infektion und Schutzmaßnahmen zurückgehen: "Die bei Migranten aus Afrika beobachtete mangelnde Compliance ist vorwiegend auf kulturell bedingte Missverständnisse zurückzuführen", so das Fazit von Dr. Nzimegne-Gölz.
Zahlreiche NGOs, Hilfsorganisationen, private Stiftungen und Pharmafirmen bemühen sich seit langem die prekäre Lage der HIV-Infizierten in Afrika zu verbessern, mit einem gewissen Erfolg: Immerhin gelang die Therapie bei 810.000 Infizierten in Dritte-Welt-Ländern, das Ziel von 3 Millionen Behandlungen der UN-Sonderinitiative "3 by 5" wurde dennoch verfehlt. Auch die Forderung der Absenkung der antiretroviralen Therapiekosten auf unter 1 $ pro Tag und Patient wird vielerorts erfüllt.
Bristol-Myers Squibb investierte seit 1999 $ 150 Millionen in die Initiative "Secure The Future – care and support for women and children with HIV/ AIDS", die insbesondere den Aufbau lokaler Therapiezentren und auf die Behandlung von Kindern mit HIV/ AIDS spezialisierte Zentren in Afrika unterstützt. Der „One Vision„ Fotowettbewerb versteht sich als Beitrag zur Bekämpfung von Vorurteilen und der Diskriminierung von Menschen, die HIV-infiziert oder von AIDS betroffen sind. Deborah Jack, Direktorin des National AIDS Trust konstatierte in ihrer Laudatio zur diesjährigen Preisverleihung: "Obwohl verbesserte Therapieoption bedeuten, dass die meisten Menschen mit HIV-Infektion in Europa ein annähernd normales und aktives Leben führen können, bleiben HIV-assoziierte Stigmatisierung und Diskriminierung problematisch und erschweren den offenen Umgang Infizierter mit ihrer Diagnose."
Zahlreiche Arbeiten thematisieren insbesondere die Lebensverhältnisse infizierter Frauen und Kinder. Der Kampf gegen HIV/AIDS, assoziierte Tabus, Ausgrenzung und Stigmatisierung sowie therapiebezogene Forschung und Entwicklung bleiben nach wie vor eine Herausforderung angesichts zunehmender Neuinfektionen, nicht nur in Afrika. (Dr. Eberhard J. Wormer)
Quellen:
Symposium "Jenseits von Afrika? Lessons learned und die Folgerungen für die Therapie von Migranten", HIV im Dialog 2006, Berlin, 02.09.2006
Preisverleihung "One Vision", Europäischer Fotowettbewerb 2006, London, 28.06.2006, Veranstalter: Bristol-Myers Squibb
© Medizinische Enzyklopädie 2010


