23.08.2006 - Parvovirus B19 als Ursache schwerer Anämien in den Tropen

Erythema infectiosum: Bisher unterschätzte Bedeutung?

Das humane Parvovirus B19, der Erreger des Erythema infectiosum (synonym: Ringelröteln), ist von weltweiter Bedeutung. Während das Virus in Europa als Ursache einer endemischen Infektion seit Jahren bekannt ist, war seine Bedeutung in tropischen Ländern bis auf wenigen Studien noch nicht gut untersucht worden. Eine neue Studie, die bei Kindern in Papua Neuguina durchgeführt wurde, zeigt jetzt, dass das Virus dort auch für schwere Anämien verantwortlich ist (J Infect Dis 194:146-153, 2006).

Zwar ist seit längerem bekannt, dass Parvovirus B19 erythropoetische Vorläuferzellen befällt und sich dort lytisch vermehrt, was die Ursache für die Anämie ist. Betroffen hiervon sind insbesondere Menschen, die aufgrund einer anderen Erkrankung eine verkürzte Erythrozytenüberlebenszeit haben oder an knochenmarksproliferativen Prozessen leiden. So wurde ist dieser Zusammenhang bei Patienten mit Hämoglobinopathien, wie z. B. Sichelzellanämie, Thalassämie, Sphärozytose sowie G6PDH-Mangel oder autoimmunhämolytischer Anämie, gut dokumentiert.

In Papua Neuguinea ist die Malaria endemisch verbreitet. Diese parasitäre Infektion ist dort als pädiatrische Infektion von hoher Bedeutung. Da auch Parvovirus B19 überwiegend Kinder betrifft, wurde untersucht, ob dieses Virus für anämische Episoden verantwortlich ist. Wie gezeigt wurde, erwies sich die Parvovirus B19-Infektion nicht nur als häufige Ursache einer Anämie, sondern war auch für schwere Krankheitsverläufe bei Kindern verantwortlich. Somit muss auch Parvovirus B19 neben dem Befall mit Hakenwürmern, Malaria oder auch nicht-infektiösen Ursachen wie Eisenmangel als wichtiges Agens für Anämien in tropischen Gebieten angesehen werden. Schwere Anämien sind in ärmeren tropischen Gebieten mit einer erheblichen Morbidität und Mortalität assoziiert.

Beste Möglichkeit der Prävention einer Parvovirus B19-Infektion wäre eine aktive Impfung. Allerdings steht derzeit kein Impfstoff zur Verfügung. Klinische Entwicklungen mit einem rekombinanten Impfstoff, der im Baculovirus-Expressionssystem hergestellt worden ist, und bereits die Phase I erfolgreich durchlaufen hatte, wurden nicht mehr weitergeführt. Interessanterweise hatte die Federal Food and Drug Administration (FDA) dieser Impfstoffentwicklung den "Orphan Drug Status" für Patienten mit Sichelzellanämie zuerkannt. Beim diesem Kandidatimpfstoff wurden Viruskapsidproteine, die sich in Form von leeren Partikeln zusammenfügten, zur Vakzinierung verwendet.

Ähnliche leere Viruskapside werden auch in serologischen Tests erfolgreich als Antigene eingesetzt. Offensichtlich blieben jedoch die Markteinschätzungen hinter den Kosten der klinischen Entwicklung in einem Missverhältnis, weswegen dieser erfolgversprechende Impfstoff nicht weiterverfolgt wurde. Da das Virus nicht in Zellkultur anzüchtbar ist, sind die klassischen Wege der Impfstoffentwicklung nicht möglich. Daher wäre eine Entwicklung nur mit gentechnischen Methoden möglich. Derzeit arbeitet keiner der Impfstoffhersteller an der Entwicklung einer Parvovirus-Vakzine (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
 
© Medizinische Enzyklopädie 2010