09.11.2009 - Eine süße Pflanze: Stevia
Stevia als Süßstoff im Vormarsch - süße Sachen, die nicht dick machen
Das hört sich kurz vor Weihnachten besonders gut an: Essen sie so süß, wie sie wollen - sie werden nicht zunehmen. Und den Zähnen schadet es auch nicht - im Gegenteil: Die neue Süße wirkt auch noch Plaque hemmend. Die Rede ist von "Stevia rebaudiana Bertoni", einer Pflanze aus Südamerika, die bis zu 300-mal süßer schmeckt als Zucker. Seit Jahrhunderten süßen die Indianer im Grenzland zwischen Brasilien und Paraguay mit Stevia-Blättern ihren Tee. In Asien wird Stevosid seit den 50er Jahren als Zuckerersatz verwendet.
In Europa ist die Situation eine andere: Erst am 26. August 2009 hatte Frankreich per Dekret eine vorläufige Zulassung für Süßstoffe aus Stevia rebaudiana Stevia rebaudiana ausgesprochen. Die vorläufige Zulassung gilt zunächst für zwei Jahre. EU weite Zulassung seitens der EU Kommission könnte bis Ende 2011 erfolgen.
Im vergangenen Jahr hat die Schweiz als erstes europäisches Land eine vorläufige Stevia-Zulassung erteilt. Seit Mai 2009 sind nunmehr erste Produkte in der Schweiz auf dem Markt die mit Stevia-Süßstoffen gesüßt werden. Auch Coca-Cola hat seit Juni 2009 eine Sondergenehmigung, um das Getränk Sprite, gesüßt mit Stevia-Süßen, in der Schweiz zu verkaufen. In den USA wurden erste Einzelzulassungen im Dezember 2008 erteilt.
Und trotzdem forscht Dr. Yaroslav Shevchenko vom Fachgebiet "Methoden der Lebensmittelbiotechnologie" an der Technischen Universität Berlin daran, wie man die Frost empfindlichen Korbblütler auch in Mitteleuropa kostengünstig und Umwelt verträglich anbauen kann. "Viele Zuckerersatzstoffe für Diabetiker haben Nebenwirkungen", erläutert der Wissenschaftler sein Interesse am unscheinbaren "Honigkraut". Da die Glykoside, der die Stevia-Staude ihre Süße verdanken, vom Menschen nicht verarbeitet werden können, enthalte sie praktisch keine Kalorien.
Im Labor ist es ihm inzwischen gelungen, Stevia als Sprosskultur zu züchten. "So können wir die Pflanzen zehn Mal pro Jahr unabhängig von der Jahreszeit ernten", berichtet er. Paradoxerweise liebt es die Pflanze selbst süß: In einer Nährlösung zur Pflanzenaufzucht sind 30 Gramm Zucker pro Liter üblich, die Stevia gedeiht am besten mit 50 Gramm Zucker pro Liter Nährflüssigkeit. Doch bevor die Pflanzensprosse in ihrer flüssigen Nährlösung in Glaskolben bei mehr als 25 Grad Wärme gedeihen können, muss sie zunächst auf einem festen Agarboden vermehrt werden. Dazu werden Pflanzenteile zunächst mit Natriumperchlorat (NaClO4) und 70-prozentigem Alkohol sterilisiert und danach mit autoklaviertem - keimfreien - Wasser gespült. In kleinen Gläsern mit Agarboden sprießen aus den Pflanzenteilen Finger lange Keimlinge heran. Diese werden unter wiederum sterilen Bedingungen klein geschnitten und in das flüssige Nährmedium gegeben, in dem sie bei optimaler Belichtung und Temperatur innerhalb von nur drei Wochen zu fertigen Honigkraut-Pflanzen heranwachsen. "Diese Methode ist preiswert, effektiv und noch dazu umweltschonend", sagt Shevchenko. Schließlich schwimmen die Pflänzchen in einer organischen Lösung, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist nicht nötig.
Die Sprossenkultur im Labor ließe sich jederzeit auch auf industrielle Mengenvorstellungen erweitern. Bis die Europäische Union den kalorienarmen natürlichen Süßstoff auch hierzulande als Lebensmittel zugelassen hat, werden die Lebensmittelexperten der TU Berlin die Pflanze weiter erforschen. "Wir bereiten derzeit einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft vor", sagt der Wissenschaftler. Er will dann herausfinden, warum Stevia-Pflanzen mit rötlichen Blättern besonders süß schmecken.
Coca-Cola und Pepsi haben erste mit Stevia gesüßte Getränke auf den Markt gebracht. Die Rabobank schätzt für die USA in den kommenden fünf Jahren einen Umsatz mit Stevia-Süßstoffen von ca. 700 Mio. US-$. Seit ein UN-Expertengremium im Juni 2008 die gesundheitliche Unbedenklichkeit des natürlichen Zuckerersatzstoffs attestiert hat, gilt die EU-weite Zulassung als sehr wahrscheinlich. Jedoch reißen kritische Stimmen nicht ab und fordern weitere Untersuchungen zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit vor einer EU- weiten Zulassung.
"Stevia hat ein großes Zukunftspotential in der Lebensmittelindustrie" bescheinigt auch Prof. Dr. Thomas Jungbluth, Dekan der Fakultät Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim. Der natürliche Zuckerersatzstoff ohne Kalorien und mit bester Verträglichkeit für Diabetiker ist gegenwärtig in einigen Staaten der Welt, u.a. Argentinien, Brasilien, China, Japan und den USA, zugelassen. Entsprechende Anträge zur Zulassung in der EU sind bei der EU Kommission gestellt. Frankreich hat nunmehr als erstes EU-Land eine Ausnahmegenehmigung bis Ende August 2011 erteilt. Diese Ausnahmegenehmigung gilt vorerst nur für Frankreich.
Erst im Juni 2008 hat der UN-Ausschuss Joint Expert Committee on Food Additives (JECFA) die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Stevia-Süßstoff festgestellt und einen Richtwert festgesetzt, wonach die tägliche Einnahme von 0 bis 4 mg/kg Steviol als sicher beurteilt wird. Diese Einschätzung gilt für Stevia-Süßstoffe mit einem Reinheitsgrad von mehr als 95%.
"Zwar wird die Zulassung in der EU noch einige Zeit dauern und als erster Schritt wird die Beurteilung der Europäischen Lebensmittelbehörde für Frühjahr 2010 erwartet. Aber Stevia kommt - und die Ernährungsindustrie muss Konzepte entwickeln wie sie diese Süßungsinnovation in ihren Produkten nutzt", urteilen Wissenschaftler der Universität Hohenheim.