10.08.2006 - Bedeutung für Träger der CCR5-Deletionsvariante

Erhöhtes Risiko schwerer Verläufe der West-Nil-Virusinfektion?

Der CCR5-Chemokin-Rezeptor ist seit der Entdeckung im Jahr 1996 ein wichtiges Target für die Entwickler von antiviralen Substanzen geworden. Allerdings trüben Ergebnisse neuerer Studien möglicherweise die hochgesteckten Erwartungen. Der CCR5-Chemokin-Rezeptor ist heute im Verständnis der Ätiopathogenese der HIV-Infektion von großer Bedeutung. Es konnte gezeigt werden, dass Menschen, die die homozygote Form der Deletionsvariante des CCR5-Rezeptors besitzen, nicht mit HIV infiziert werden und daher eine natürliche Immunität gegen dieses Virus aufweisen.

Ursache hierfür ist, dass der CCR5-Rezeptor der Korezeptor von HIV ist und für die Fusion des Virus mit der Zelle notwendig ist. Daher werden derzeit mehrere antivirale Substanzen, sog. CCR5-Inhibitoren, in klinischen Studien mit großen Erwartungen getestet. Als Beispiel gilt hierfür gilt die Entwicklung von Maraviroc. Epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa 1% der kaukasischen Bevölkerung die homozygote Form der Deletionsvariante aufweisen. Aufgrund der relativen Häufigkeit dieses Rezeptors in der Bevölkerung dachte man bislang, dass dieser Chemokine-Rezeptor insgesamt wenig Bedeutung für das Überleben hat.

Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass es z. B. bei Menschen mit der homozygoten Form der CCR5-Deletionsvariante zu deutlich schwereren und z. T. tödlichen Verläufen bei einer West-Nil-Virusinfektion kommt. So wurde gefunden, dass letale Verläufe bei Menschen mit der Deletionsvariante 13-fach häufiger auftreten als entsprechenden Kontrollen. Theoretisch könnte man also annehmen, dass Menschen, die mit einem CCR5-Inhibitor behandelt werden, somit zum Beispiel bei einer West-Nil-Virusinfektion besonders gefährdet wären.
 
Ob die Annahme nur für die West-Nil-Virusinfektion oder auch andere Virosen zutrifft, ist bislang noch nicht bekannt. Die Assoziation mit dem West-Nil-Virus wäre besonders für Nordamerika von Relevanz, wo dieser Erreger seit 1999 epidemisch vorkommt. Daher wären die Einsatzmöglichkeiten der CCR5-Inhibitoren für HIV-Infizierte in Nordamerika bis zur Verfügbarkeit einer West-Nil-Virus-Vakzine somit eingeschränkt. Auch in anderen Regionen, wie z. B. Israel, Südafrika und Südosteuropa, kam es in den letzten Jahren wiederholt zu West-Nil-Fieber-Epidemien.  

Interessant sind auch die Hypothesen zur Häufigkeit der CCR5-Deletionsvarianten in der Bevölkerung. Es wird vermutet, dass der CCR5-Rezeptor auch bei der Infektion mit Pocken-Virus von Bedeutung ist. Dies wiederum würde bedeuten, dass Menschen mit der Deletionsvariante einen natürlichen Schutz vor einer Pockenvirusinfektion aufweisen. Daher wäre es erklärbar, warum sich dieser genetische Typ über die Jahrhunderte als „Überleber“ in der Bevölkerung selektioniert hat. Die Biologie des Menschen bietet immer wieder zum Teil ungeahnte Überraschungen (Prof. Dr. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010