Seit langem wurde angenommen, dass bestimmte chronische Erkrankungen durch infektiöse Agenzien verursacht oder unterhalten werden, auch wenn im Einzelfall noch kein Erreger nachgewiesen werden konnte. In den letzten Jahren gelang es jedoch, u.a. bedingt durch neue labordiagnostische Möglichkeiten, eine Reihe von Erregern als Verursacher von chronischen Erkrankungen zu bestätigen.
Durch eine rechtzeitige Therapie lässt sich daher nicht nur die akute Erkrankung behandelt werden, sondern auch die in der Folge auftretenden chronischen Komplikationen verhindern. Maßnahmen der Prävention dieser Infektionen haben somit eine erhebliche Bedeutung hinsichtlich der Reduktion der Morbidität und Mortalität, ungeachtet der ethnischen Zugehörigkeit, der geographischen Region, kultureller Gegebenheiten oder des sozioökonomischen Status der Betroffenen.
05.10.2006 - Chronische Erkrankungen oftmals durch Infektionen bedingt
Zunehmende Bedeutung von Infektionskrankheiten
Das Konzept, dass eine Infektion zu chronischen Komplikationen führt, wurde erstmals am Beispiel der Hepatitis-B-Virusinfektion belegt, die eine chronische Hepatitis, Leberzirrhose und hepatozelluläres Karzinom verursachen kann. Die Arbeiten von Marshall und Warren (Nobel-Preis für Medizin 2005), die nachweisen konnten, dass das Bakterium Helicobacter pylori, eine chronische Entzündung der Magenschleimhaut verursachen kann und dadurch die Ulkuskrankheit bedingt, veränderte das konventionelle Denken zur Bedeutung von Infektionserregern. Gerade bei der Ulkuskrankheit dachte man bis dahin, dass sie durch nichtinfektiöse Faktoren wie Stress, Diät, Rauchen oder Familienanamnese bedingt sei.
Die chronischen Komplikationen lassen sich im Wesentlichen in 3 Kategorien unterteilen:
1. Ein infektiöses Agens kann eine chronische Erkrankung sowie eine Gesundheitsstörung durch eine fortschreitende Gewebs- oder Organschädigung verursachen. Beispiel hierfür ist das Hepatitis-C-Virus.
2. Die akute Erkrankung führt zu einer ausgeprägten Zellzerstörung, die lebenslange Funktionsbeeinträchtigungen zur Folge haben. Als Beispiel hierfür gelten die persistierenden, schlaffen Lähmungen bei Poliomyelitis.
3. Eine Infektion führt indirekt zu einer Prädisposition für chronische Beschwerden. Beispiel hierfür sind Infektionen in der Schwangerschaft, die eine Frühgeburtlichkeit bedingen, die wiederum das Risiko des Neugeborenen für neurologische oder pulmonale Erkrankungen erhöht.
Zu den Erregern, die heute als wichtige Verursacher, von chronischen Erkrankungen angesehen werden, gehören u.a. Schistosoma ssp (Blasenkarzinom), Epstein-Barr-Virus (Burkitt Lymphom), Hepatitis-B-Virus (Leberkarzinom), humane Papillomviren (Zervixkarzinom), Borrelia burgdorferi (Lyme-Arthritis, Neuroborreliose), humanes T-lymphotropische Virus Typ 1 (akute T-Zell-Leukämie), Helicobacter pylori(peptische Ulkuskrankheit), Campylobactger jejuni (Guillain-Barré-Syndrom) , Hepatitis-C-Virus (Leberkarzinom), Bartonella henselae (Bazilläre Angiomatose), Tropheryma whipplei (Whipple Erkrankung), Herpes Virus Typ 8 (Kaposi-Sarkom) , Variante Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung und West-Nil-Virus (persistierende Postpoliomyelitis).
Bei Infektionserregern wird oftmals vom "Eisberg-Phänomen" gesprochen, d. h. nur die über der Oberflächen sichtbaren Agenzien sind bekannt. Man muss jedoch von einer Vielzahl heute noch nicht bekannter Erreger ausgehen, die entweder noch nicht entdeckt oder noch nicht mit chronischen Erkrankungen assoziiert werden konnten.
Erkrankungen, für die eine Ätiologie mit einer chronischen Infektion vermutet wird, sind zum Beispiel die Psoriasis, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa sowie eine Reihe von Entitäten aus dem Bereich der Autoimmunkrankheiten (Prof. Dr. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010