03.06.2006 - Zahneingriffe mit Endokarditis-Prophylaxe?

Wer ist gefährdet?

Seit fast 50 Jahren wird Menschen, die an einer Erkrankung der Herzklappen leiden, empfohlen, Zahneingriffe nur unter einer antibiotischen Prophylaxe durchführen zu lassen. Hintergrund ist das vermutete Risiko einer infektiösen Endokarditis, in Folge einer Aussaat von bakteriellen Keimen der Mundhöhle. Allerdings wurden dieser Zusammenhang bisher nie systematisch untersucht. Eine aktuelle Untersuchung aus Frankreich, veröffentlicht in Clinical Infectious Diseases, 2006, versuchte jetzt das tatsächliche Risiko neu abzuschätzen.

Dabei bedienten sich die Untersucher einer einfachen Formel, bei der die Anzahl der infektiösen Endokarditiden nach Risikoeingriffen bei Patienten mit prädisponierender valvulärer Herzkrankheit (PVH) durch die Anzahl der Risiko-Zahneingriffe bei PVH geteilt wurde. Die Anzahl der Patienten mit PVH und Risikozahneingriffen (Nenner) wurde mittels zweier prospektiven Langzeitstudien erhoben. Die Anzahl der infektiösen Endokarditiden (Zähler) wurde mittels einer 1999 in Frankreich durchgeführten epidemiologischen Studie, die auf die Gesamteinwohnerzahl hochgerechnet wurde, ermittelt.

Die berechnete Inzidenz der infektiösen Endokarditis pro 1 Million Einwohner beträgt 460 für Patienten mit nativen Klappen und PVH. Im Gegensatz dazu beträgt die Inzidenz der infektiösen Endokarditis 980/1 Million bei Patienten mit prothetischen PVH. Ingesamt beträgt das Risiko nach einem Zahneingriff eine infektiöse Endokarditis zu entwickeln ohne Prophylaxe 1:46000, mit Prophylaxe hingegen nur 1:149000. In Frankreich erkranken pro Jahr 1370 Menschen an einer infektiösen Endokarditis. Demnach dürften somit nur 37 Erkrankungen die Folge eines Zahneingriffs sein.

Die Studie kommt somit zum Schluss, dass eine antibiotische Prophylaxe durchaus bei Zahneingriffen vor einer infektiösen Endokarditis schützen kann, wobei jedoch das Risiko ingesamt gering ist. Es könnte daher sinnvoll sein, die Endokarditis-Prophylaxe lediglich auf Hochrisiko-Patienten zu beschränken. Allerdings müsste hierbei berücksichtigt werden, dass auch die alltäglichen Tätigkeiten, wie Zähneputzen, bei diesen Patienten bereits ein Risiko bedeuten könnten. Insgesamt sind daher die potenziellen Nebenwirkungen der Antibiotika gegenüber dem Risiko einer infektiösen Endokarditis abzuwägen (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010