02.06.2006 - Ätiopathogenese des Prostata-Karzinoms

Welche Rolle spielen Retroviren?

Das Prostata-Karzinom ist eine der häufigsten neoplastischen Veränderungen des Mannes in Industrieländern. Die Ursachen dieses Tumors waren bisher weitgehend unbekannt. Bereits seit einigen Jahren werden zunehmend virale Erreger mit der Ätiopathogenese von Tumoren in Zusammenhang gebracht bzw. wurde deren kausale Rolle bestätigt.

Als gesichert gilt der Zusammenhang zwischen humanen Papillomviren und dem Zervixkarzinom, Vulvakarzinom, Larynxkarzinom, Peniskarzinom sowie Analkarzinom. Auch das Epstein-Barr-Virus ist mit mehreren Tumoren, wie dem Nasopharynxkarzinom, Burkitt-Lymphom sowie anderen Lymphomen assoziiert. Das  Hepatitis B-Virus wiederum verursacht das Leberzellkarzinom und das humane Herpesvirus Typ 8 das Kaposi-Sarkom.

Neue Befunde weisen jetzt auf einen Zusammenhang zwischen dem Prostata-Karzinom und einem kürzlich entdeckten Retrovirus hin, wie das angesehene Journal of the American Medical Association am 5. April 2006 berichtete. Seit kurzem ist bekannt, dass Männer mit einer genetischen Mutation im Human Prostate Cancer 1 Gen (HPC1) häufiger am Prostata-Karzinom erkranken.

Das neue Retrovirus mit der vorläufigen Bezeichnung XMR-Virus wurde mittels eines neuartigen genetischen Suchtests gefunden. Während sich dieses Virus bei 9 von 20 Männern mit homozygoter Mutation nachweisen ließ, fand es sich nur bei 1 von 66 mit normalen HPC1. Molekulargenetische Untersuchungen zeigten eine antigenetische Verwandtschaft mit dem murinen Leukämievirus (Erreger einer Leukämie bei Mäusen). Bisher bekannte Retroviren des Menschen sind zum Beispiel HTLV-I (tropisch spastische Paraparese, adulte T-Zell-Leukämie), HTLV-II (Haarzell-Leukämie), HIV (AIDS) sowie humanes Foamy Virus (klinische Bedeutung bisher unbekannt). 

Wie jetzt gezeigt wurde, kodiert das HPC1-Gen ein virales Protein (RNaseL). Dieses Protein wird bei der viralen Infektion aktiviert und kann virale RNA verdauen. Die Aktivität der RNaseL ist bei genetischen Varianten des HPC1 abgeschwächt. Homozygote Träger des HPC1-Gens weisen somit ein doppelt so hohes Risiko auf ein Prostata-Karzinom zu entwickeln als heterozygote Männer. 

Das XMR-Virus konnte in den umgebenden Stromazellen von Prostatatumoren gefunden werden. Unklar sind bislang die Übertragungswege des Virus wie auch das natürliche Reservoir. In Ermangelung eines Antikörpertests liegen bisher noch keine Daten zur Epidemiologie dieses Erregers vor. Daher lassen sich noch keine Aussagen zur Bedeutung dieser Infektion in der Bevölkerung machen. Ob und inwieweit das XMR-Virus tatsächlich in der Ätiopathogenese des Prostata-Karzinoms eine Rolle, lässt sich daher noch nicht abschließend beurteilen.

Sollte das XMR-Virus jedoch von Bedeutung für diesen Tumor sein, würde dies erhebliche Auswirkungen auf die Therapie haben, die dann auch antiviral durchgeführt werden müsste. Auch würde dies unter Umständen die Entwicklung eines prophylaktischen oder therapeutischen Impfstoffs gegen das Prostata-Karzinoms ermöglichen (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010