12.10.2010 - Immer schön flexibel bleiben

Interview mit Hartmut Stern, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V. (DEGEMED)

Herr Stern, welches sind Ihre Hauptaufgabengebiete bei der Klinik Bavaria?

Stern: Ich befasse mich im Unternehmen vor allem mit der Weiterentwicklung der medizinischen Rehabilitation. Dazu gehört etwa die Erstellung von neuen Konzepten, Orientierung hinsichtlich wichtiger Rechtsänderungen und die Unterstützung bei der zukunftsorientierten Ausrichtung der Klinik Bavaria. Es geht dabei immer um die künftige Entwicklung mit der Zielsetzung positive Ergebnisse für den Standort und der Arbeitsplatzerhaltung in der Klinik Bavaria zu erzielen.

 Mit großer Mehrheit hat die Mitgliederversammlung der DEGEMED am 26. Juli 2010 Sie zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V. gewählt...

Stern: Der Wechsel war nach personellen Veränderungen im Bereich der Führungsspitze des Verbandes notwendig geworden. Die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V. ist Spitzenverband der medizinischen Rehabilitation in Deutschland und fördert aktiv die Weiterentwicklung einer professionellen und hochwertigen Rehabilitation in Deutschland. Mitglieder sind Anbieter der medizinischen Qualitäts-Rehabilitation in über 100 stationären und ambulanten Kliniken und Einrichtungen.

Ein Schwerpunkt meiner Verbandstätigkeit soll es sein das Profil und das Vertrauen in die Arbeit der DEGEMED im Sinne der erfolgten Ausrichtung hin zur Fachgesellschaft zu schärfen. Dazu gehört ein verstärkter Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern und den Leistungsträgern und natürlich auch Gespräche mit Partnerverbänden, um Gemeinsamkeiten bei der Interessenverfolgung zu definieren und umzusetzen. Wichtig ist auch eine kritische Analyse der BAR-Zertifizierung (Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation). Die Qualitätssicherungsverfahren der Leistungsträger müssen, was inhaltliche Ausgestaltung und Bewertungsergebnisse anbelangt, ebenfalls ständig begeleitet werden.

Bei der Festlegung der Aufgabenschwerpunkte durch den neuen Vorstand wird es insgesamt notwendig sein, längerfristige Betrachtungen zur Entwicklung der Rehabilitation anzustellen. Eine nachhaltige Stärkung der Positionierung aller Mitglieder wie auch der Klinik Bavaria in allen Bereichen der medizinischen Rehabilitation soll auf den Weg gebracht werden.

Sie haben jüngst ihr 15. Dienstjahr im Unternehmen gehabt. Was denken Sie über das bevorstehende 20jährige Jubiläum der Klinik Bavaria in Kreischa?

Stern: Stimmt, ich habe am 1.Juni 1995 im Unternehmen angefangen. Mit Blick auf die vergangenen Jahre haben wir eine Menge Veränderungen mitgemacht.

Das komplexe Leistungsangebot der Klinik Bavaria hat sich dabei als Standortvorteil herausgestellt. Die meisten Reha-Kliniken sind nicht so differenziert aufgestellt wie die Klinik Bavaria, in Hinblick auf die besonders schwierige Fälle im Bereich der medizinischen Rehabilitation. Dazu muss man in Vorleistung gehen, um neue Erkenntnisse bei den diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, aber auch hinsichtlich Technik und Ablauforganisation umsetzen zu können.

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit erlauben zugleich auch einen Ausblick auf die Zukunft. Zur Problematik im Gesundheitswesen gehören weiterhin Ausgabebeschränkungen auf der Leistungsträgerseite, was dazu führen wird, über Veränderungen im Leistungsangebot nachzudenken. Dazu wird es notwendig sein, die Komplexität der differenzierten Leistungserbringung zu analysieren und – soweit möglich – zu standardisieren. Zur Zukunftsbetrachtung gehören übergreifende Vernetzungsansätze in der Kette Hausarzt, Akutklinik, Rehaklinik und die Einbeziehung rehabilitativer Zielsetzungen in Richtung Arbeit, Beruf und Gesellschaft.

Gerät der Reha-Bereich in der Diskussion um eine Erneuerung des deutschen Gesundheitssystems nicht unter starken Anpassungsdruck?

Stern: Das Gesundheitssystem steht in Deutschland aus demografischen Gründen und der absehbaren Entwicklung der öffentlichen Ausgaben unter enormen Anpassungsdruck. Weitere inhaltliche und strukturelle Veränderungen sind deshalb auch in der medizinischen Rehabilitation zu erwarten. Als Beispiel sei an dieser Stelle nur die anhaltende Diskussion über die Problematik der Schnittstelle zwischen Akutkrankenhaus und Reha-Einrichtung genannt.

Die schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, die Umsetzung des Grundsatzes "Reha vor Pflege", das Fallpauschalensystem im Akutbereich und der zunehmende Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung haben zwangsweise Auswirkungen. Gegen eine Ausweitung der stationären Reha-Leistungen sprechen die knappen Mittel der gesetzlichen Leistungsträger, verbunden mit einer stärkeren Gewichtung bei der Kosten-Nutzen-Orientierung von Reha-Leistungen und der Grundsatz "ambulant vor stationär". Einen übergeordneten und schwer einzuschätzenden Einflussfaktor für die zukünftige Situation im Reha-Bereich bilden mithin die politischen Rahmenbedingungen. Es gibt Überlegungen, Fallgruppen ähnlich wie im Akutbereich einzuführen, was jedoch bei den bisherigen Modellversuchen mit erheblichen Problemen behaftet war.

Der Teilhabebegriff des SGB IX mit der Festlegung des Grundsatzes einer nahtlosen Rehabilitation eröffnet nicht nur weitergehende Möglichkeiten einer kreativen Ausgestaltung, die absehbare demografische Entwicklung zwingt geradezu alle Akteure dazu, für eine Optimierung des Mitteleinsatzes zu sorgen. Bereits vor 10 Jahren wurde in der Klinik Bavaria eine Verbindung zur Berücksichtigung berufsbezogener Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit der Rehabilitanden innerhalb der medizinischen Rehabilitation geschaffen (MBO).

Die Rentenversicherungsträger betonen in ihren Aussagen zunehmend, dass künftig die berufsorientierte Durchführung einer medizinischen Rehabilitation Standardmaßnahme der Rentenversicherung werden soll. Dass heißt also konkret, man erwartet von den Kliniken berufsorientierte Ansätze, dies auch unter dem Aspekt der Qualitätssicherung. Alle Anbieter von medizinischen Reha-Leistungen müssen sich deshalb inhaltlichen Veränderungen stellen. Dies macht deutlich, wie notwendig es ist, über neue Wege bei der Ausgestaltung rehabilitativer Angebote nachzudenken.

Zur geforderten „Flexibilisierung“ der Leistungsangebote zählt auch unser Engagement beim Projekt „Gesunde Arbeit“, an der sich die Klinik Bavaria beteiligt. Hier werden Angebote für die Betriebe entwickelt, wie z.B. therapeutische Anwendungen am Arbeitsplatz– ein präventiver Ansatz. Der demographische Wandel bedingt einen zunehmenden Fachkräftemangel, eine Entwicklung die jetzt schon deutlich wird. Eine rein politische Entscheidung, bis 70 Jahre arbeiten zu müssen, wird nicht ausreichend sein. Erst wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wird auch die Bereitschaft steigen, länger arbeiten zu wollen.  

Vielen Dank für das Gespräch. (Das Interview führte Andreas Frädrich)

Hartmut Stern, Mitglied der Geschäftsleitung, ist seit 15 Jahren in der Unternehmsgruppe Klinik Bavaria tätig. Er ist Geschäftsführer der Facheinrichtung für Intensivpflege in Gombsen, der beiden Stiftungen (Helene-Maier-Stiftung in Theisewitz und der Christian Presl Stiftung in Bad Kissingen) sowie der Gesellschaft für Gesunde Arbeit GmbH in Dresden. Vor kurzem wurde zum Vorstandsvorsitzenden der Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V. (DEGEMED) gewählt.


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