Nicht erst seit dem Beginn der HIV-Pandemie wird eine Zunahme der Zahl der Patienten mit Immundefizienz beobachtet. Neben den angeborenen oder erworbenen Erkrankungen mit Immundefizienz nimmt auch die Zahl der Patienten, die immunsuppressive Therapien erhalten, zu. Eine besonderes Ziel ist es diese Patienten vor impfpräventablen Erkrankungen zu schützen.
Damit Impfungen bei diesem Personenkreis nicht aus unbegründeten Ängsten unterbleiben, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) daher, dass indizierte Impfungen auch bei Menschen mit Immundefizienz durchgeführt werden sollen. Gerade bei dieser Patientengruppe kann der Verlauf impfpräventabler Krankheiten besonders schwer oder die Komplikationen ausgeprägt sein. Personen mit Immundefizienz sollen daher über den Nutzen der Impfung im Vergleich zum Risiko der Erkrankung aufgeklärt werden. Für die Befürchtung, dass eventuell zeitgleich mit einer Impfung auftretende Krankheitsschübe ursächlich durch eine Impfung bedingt sein könnten, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Kontraindikationen für Impfungen sind von der Grunderkrankung des Patienten abhängig.
Aktive Impfungen mit Lebendimpfungen sind bei Patienten mit angeborener Immundefizienz wie auch sekundärer Immundefizienz grundsätzlich kontraindiziert, unabhängig davon, ob es sich um eine B- oder T- bzw. einen kombinierten Zelldefekt handelt. Bei diesen Patienten könnte die Vermehrung von attenuierten Impferregern unter Umständen zu einer systemischen Erkrankung führen. Da keine generellen Screeningprogramme zur Aufdeckung von Immundefekten im Kleinkindesalter existieren, sollte beim geringsten Verdacht, wie einer positiven Familienanamnese, unklaren Hautaffektionen, schweren bakteriellen Infektionen oder unklaren Gedeihstörungen, Lebendimpfungen vorsichtshalber zurückgestellt werden. Hier ist zunächst eine weitergehende Diagnostik erforderlich.
Selektive IgA- oder IgG-Subklassendefekte, wie auch Erkrankungen mit anderen humoralen Immundefekten (z. B. variables Immundefektsyndrom), stellen hingegen keine Kontraindikation für Lebendimpfungen dar. Allerdings sollte der Impferfolg in diesen Fällen durch die Bestimmung der spezifischen Antikörper kontrolliert werden. Als unbedenklich für Lebendimpfungen gelten die lokale oder inhalative Anwendung von Steroiden bzw. die systemische Gabe von weniger als 2 mg Prednisolon/kg KG/Tag oder höhere Dosen über weniger als 2 Wochen Dauer. Im Frühstadium einer HIV-Infektion ist es bei noch ausreichender zellulärer Immunität unbedenklich den Patienten gegen Masern, Mumps, Röteln sowie Varizellen zu impfen. Bei Patienten mit fortgeschrittener HIV-Infektion sind Lebendimpfungen hingegen kontraindiziert.
Bei der Verabreichung eines Lebendimpfstoffs sollte bei Patienten mit Leukämie, Lymphomen, generalisierten malignen Erkrankungen bzw. bei Therapie mit Kortikosteroiden, alkylierenden Substanzen, Antimetaboliten sowie während einer Bestrahlungstherapie bis zur Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Immunsystems abgewartet werden. Als Faustregel gilt hier ein Intervall von mindestens 3 Monaten. Gerade vor einer absehbaren Organtransplantation sollte der Impfschutz kompletiert werden.
Bei der bis vor einigen Jahren in Deutschland verwendeten oralen Polio-Vakzine (OPV) waren die attenuierten Impfviren auf Kontaktpersonen übertragbar. Daher galt auch die Impfung von Kontaktpersonen von Patienten mit Immundefekt als kontraindiziert. Gerade bei geplanten zum Beispiel berufsbedingten Auslandsaufenthalten sollte bedacht werden, dass die OPV-Vakzine noch in einer Reihe von Ländern routinemäßig eingesetzt wird.
Im Gegensatz dazu sind Personen, die eine Masern-Mumps-Röteln- (MMR) bzw. MMR+Varizellen (V)-Impfung erhalten haben, nicht infektiös. Daher können Kontaktpersonen von Patienten mit Immundefizienz undenklich mit einem MMR- bzw. MMR-V-Impfstoff geimpft werden. Gleiches gilt auch für die seit kurzem verfügbaren Rotavirus-Impfstoffe (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010