31.05.2010 - Ärzte und Krawatten: Ein hygienischer Widerspruch?

Die Bedeutung von Krawatten bei der Weiterverbreitung von nosokomialen Infektionen darf nicht unterschätzt werden

Kravatten implizieren bei Ärzten für Außenstehende Seriosität und eine Leitungsfunktion. Derweilen sind Krawatten unter hygienisch-mikrobiologischen Aspekten nichts weiter als Keimschleudern, die bei Patienten unter Umständen zu Hospitalinfektionen führen können. Die Bedeutung von Krawatten bei der Weiterverbreitung von nosokomialen Infektionen darf wie Untersuchungen der letzten Jahre belegen nicht unterschätzt werden.

Krawatten werden in Kliniken, wenn überhaupt, nur von Chefärzten bzw. Leitenden Ärzten getragen. Auch Belegärzten eilen nicht selten bei Visiten mit Krawatte von Krankenbett zu Krankenbett. Zur Vermeidung von Keimverschleppungen werden in Kliniken Hygienepläne u.ä. erarbeitet und umgesetzt. Selbst das Stethoskop und der Kugelschreiber im Arztkittel gilt als mögliche Quelle für die Verschleppung von Hospitalkeimen. Wer denkt jedoch an die Krawatten?

Krawatten werden im Krankenhausbereich oftmals vom nicht-ärztlichen Dienst, mit Ausnahme der Leitenden Ärzte sowie den Klinikseelsorgern getragen. Hergestellt werden Krawatten aus Seide, Baumwolle oder synthetischen Geweben. Generell muss man davon ausgehen, dass Krawatten nie oder wenn, nur selten, gewaschen bzw. aus Kostengründen nicht gereinigt werden. In den Fasern können sich diverse Keime festsetzen und dadurch von Patient zu Patient weiterverbreitet werden.

Eine kürzliche Studie (Steinlechner C et al.: Microbes on ties: do they correlate with wound infections. Ann R Coll Surg Engl (Suppl) 84:307-309 (2002)) untersuchte die Bedeutung von Krawatten in der Orthopädie hinsichtlich der Möglichkeit der Verursachung von Wundinfektionen. Gerade in angelsächsischen Ländern sind Krawatten bei Leitenden Ärzten oftmals Bestandteil der Standeskleidung. Die Studie zeigte, dass sich auf Krawatten vielfach genau das gleiche Keimspektrum fand wie dies bei Wundabstrichen zu erwarten gewesen wäre.

In Anbetracht der zunehmenden Bedeutung von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA)-Infektionen in Krankenhäusern sollte gerade auch der Krawatte zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt werden. Rein ablauftechnisch kann man sich vorstellen, dass die Krawatte bei der Untersuchung mit dem Körper bzw. der Haut des Patienten in Kontakt kommt, wodurch es zur Kontamination der Krawatte kommt. Führt dieser Arzt die nächste Untersuchung oder im schlimmsten Fall einen Verbandswechsel durch, kann auf diese Weise die Wunde durch die auf der Krawatte befindlichen Bakterien kontaminiert werden und es so zu einer Wundinfektion kommen. Gerade das untere Ende der Krawatte weist die höchste Keimbelastung auf. Nicht unterschätzt werden darf zudem der regelmäßige Kontakt der Hände mit der Krawatte. Auch hierdurch kann die Krawatte mit Hospitalkeimen durch den Arzt kontaminiert werden.

Als wichtiger Nebenaspekt ist zu anzuführen, dass dieses Hygieneproblem ein rein männliches ist, da Ärztinnen im Dienst eher selten Krawatten tragen. Vielfach kann beobachtet werden, dass gerade auch bei Visiten am Wochenende von Ärzten Krawatten umgebunden werden, die werktags grundsätzlich nur Berufskleidung tragen. Die British Medical Association hat unlängst ihre Mitglieder aufgefordert, das Tragen von „funktionslosen Kleidungsgegenständen wie Kravatten“ im Dienst zu unterlassen (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010