13.03.2006 - Impfung gegen Cholera schützt auch vor ETEC

Life-Style-Impfstoff sichert die schönsten Tage des Jahres vor Reisedurchfall

Ein neuer, oral zu verabreichender Impfstoff induziert nicht nur einen guten antibakteriellen und antitoxischen Schutz vor Cholera, sondern bewirkt aufgrund struktureller Ähnlichkeiten des Cholera-Toxins mit dem hitzelabilen Toxin von enterotoxischen E. coli (ETEC) auch eine Protektion vor der häufigsten Ursache der Reisediarrhoe. Damit lässt sich ein Großteil unangenehmer Episoden von Reisedurchfall vermeiden.

Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes erkranken 20 bis 65% aller Reisenden an einer Episode von Reisedurchfall. Als wichtigste Einzelursache gilt dabei die Infektion mit ETEC. Der Reisedurchfall gilt somit als die häufigste reisebedingte Gesundheitsstörung. Ursache des durch ETEC-verursachten Durchfalls ist die Wirkung des hitzelabilen ETEC-Toxins. Dieses Toxin hat eine 80 %ige Homologie zum Cholera-Toxin. Es bindet an den Gangliosid-Rezeptor, wodurch es zu einer irreversiblen Aktivierung der Adenylat-Cyclase kommt.

Dadurch werden hohe Konzentrationen von zyklischem AMP freigesetzt. Dieses wiederum bewirkt eine gesteigerte Ausschüttung von Chlorid-Ionen und die Inhibition der Aufnahme von Natriumchlorid aus dem Darm. Die Folge sind Durchfälle. ETEC wie auch Vibrio cholerae sind die klassischen Beispiele einer toxinvermittelten Diarrhoe. Therapeutisches Ziel ist die orale Rehydratation mit Elektrolyt- und glukosehaltigen Lösungen. Antibiotika sind bei Reisedurchfall in der Regel nicht indiziert. Nur bei mit Fieber einhergehenden schweren gastrointestinalen Beschwerden kann die Verabreichung eines Antibiotikums notwendig werden.

Um einen Schutz vor Cholera wie auch ETEC zu erreichen, bedarf es der Induktion eines antibakteriellen als auch antitoxischen Schutzes. Seit kurzem steht in Deutschland wieder ein zugelassener Impfstoff gegen Cholera zur Verfügung. Dabei handelt es um einen oralen Impfstoff, der sich aus einer rekombinant hergestellten ß -Untereinheit des Cholera-Toxins und hitze- bzw. formalin-inaktivierten Vibrio cholerae zusammensetzt. In Studien erwies sich dieser Impfstoff als sehr gut wirksam.

Mit nennenswerten unerwünschten Reaktionen ist nicht zu rechnen. Die Verabreichung des Impfstoff erfolgt bei Personen über 6 Jahren durch zwei orale Dosen, die im Abstand von 1 bis 6 Wochen eingenommen werden. Bei weiterbestehender Exposition empfiehlt sich eine Booster-Impfung nach 2 Jahren. Zur Grundimmunisierung von Kindern vom 2. bis zum 6. Lebensjahr sind drei Impfstoffdosen notwendig.

Die Wirksamkeit des Impfstoffs hinsichtlich der Vermeidung von Reisedurchfall beträgt mindestens 70%, wie inzwischen bei mehr als eine Million Anwendung in Skandinavien belegt werden konnte. Die Impfung gegen Cholera ist indiziert bei einem längeren Aufenthalt in Ländern mit hoher Cholera-Inzidenz sowie bei Reisen in Länder mit schlechten hygienischen Verhältnissen.

Eine weitere Indikation sind Personen mit Vorerkrankungen, bei denen eine schwere Diarrhoe zu einer Exazerbation führen könnte, sowie Patienten mit verminderter Magensäureproduktion. Für den Urlauber, der sich auch bei den üblichen touristischen Zielen, wie zum Beispiel der Türkei, vor Reisedurchfall schützen will, bietet sich jetzt mit dem oralen Cholera-Impfstoff eine gute Möglichkeit der Prophylaxe.

Eine Erstattung des oralen Cholera-Impfstoffs durch die gesetzlichen Krankenkassen erfolgt nicht. Daher müssen die Kosten dieser Impfprophylaxe vom Impfling selbst getragen werden. In Anbetracht der geringen Impfstoffkosten und dem hohen Nutzeffekt der Impfung hinsichtlich der Verbesserung der Lebensqualität ("Life-Style"-Impfstoff) während des Urlaubs wird diese Impfprophylaxe zukünftig einen hohen Stellenwert in der reisemedizinischen Beratung einnehmen (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010