18.11.2005 - Pneumokokken-Infektionen: Prävention durch Impfung möglich

Infektionen durch Streptococcus pneumoniae gehören mit zu den schwersten Erkrankungen des Menschens


Infektionen durch Streptococcus pneumoniae (syn. Pneumokokken) gehören mit zu den schwersten Erkrankungen des Menschens und führen weltweit pro Jahr zu etwa 2 Millionen Todesfällen. Von Infektionen durch dieses Bakterium sind insbesondere Kinder in den ersten 5 Lebensjahren sowie ältere Menschen betroffen.
 
Pneumokokken sind grampositive Kugelbakterien, die von einer Polysaccharidkapsel umgeben sind. Nach der dänischen Nomenklatur werden derzeit 90 verschiedene Kapselpolysaccharid-Typen unterschieden, von denen nur etwa 20 den überwiegenden Anteil der humanen Infektionen ausmachen. Die Verteilung der Serotypen unterscheidet sich zwischen  Kindern und Erwachsenen als auch geografisch. Die verschiedenen Serotypen induzieren eine weitgehend typenspezifische Immunität.

Pneumokokken sind kommensale Bewohner des Nasenrachenraumes und finden sich bei 10% der Erwachsenen und bis zu 60% bei Kindern. Übertragen werden die Keime in der Regel durch Tröpfcheninfektion. Eine jahreszeitliche Häufung findet sich in Deutschland zwischen Dezember bis April. Die jährliche Inzidenz der Pneumokokken-Meningitis beträgt in Deutschland bei Kindern bis zum 5. Lebensjahr etwa 4 pro 100.000.

Invasive Pneumokokken-Erkrankungen (Sepsis, Meningitis) kommen in dieser Altersgruppe mit einer Häufigkeit von 20 bis 40 pro 100.000 vor. Aufgrund epidemiologischer Untersuchungen muss man bei Erwachsenen von einer Häufigkeit der Pneumokokken-Pneumonie von 300 pro 100.000 ausgehen. Als besonders gefährdet gelten Personen mit diversen Grunderkrankungen. Für Deutschland geht man von bis 12.000 jährlichen Todesfällen infolge einer Pneumokokken-Pneumonie aus.

Zu den häufigen klinischen Krankheitsbildern, die durch Pneumokokken verursacht werden, gehört die Meningitis, Pneumonie, Otitis media und Sinusitis. Bei splenektomierten Patienten droht das OPSI-Syndrom ("overwhelming post splenectomy infection"), das meist tödlich verläuft. Selten kommt es zu einer Endokarditis, Osteomyelitis, Peritonitis sowie Haut- und Weichteilinfektionen.

Die antibiotische Therapie der Pneumokokken-Infektionen richtet sich nach der lokalen Resistenzsituation. In Deutschland hat in den letzten Jahren besonders die Resistenz  gegenüber Makroliden zugenommen. Bei invasiven Infektionen von Kindern betragen die Resistenzraten für Erythromycin heute bereits mehr als 20%. Die Resistenzraten gegenüber Penicillin liegen derzeit noch unter 10%. Hochgradige Penicillin-Resistenzen werden nur bei <2% gefunden, weswegen Penicillin G nach wie vor als Mittel der Wahl zur Behandlung der durch Pneumokokken hervorgerufenen Atemwegsinfektion sowie der Meningitis gilt. Als Alternativen stehen Cephalosporine der III. Generation sowie Fluorchinolone zur Verfügung.

Derzeit sind zwei Pneumokokken-Impfstoffe in Deutschland verfügbar. Bereits seit Mitte der 1980er Jahre steht ein 23-valenter Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff, der zwischen 80% und 90% aller Pneumokokken-Serotypen, die invasive Erkrankungen (Sepsis oder Meningitis) bei Erwachsenen verursachen, enthält. Dieser Impfstoff ist für alle Personen über 60 Jahren sowie bei entsprechenden chronischen Grunderkrankungen empfohlen. Bei Kinder unter 2 Jahren ist dieser 23-valente Impfstoff jedoch nicht in der Lage eine Antikörperantwort zu induzieren. Für Kinder im Alter von bis zum vollendeten 5. Lebensjahr steht seit einigen Jahren ein an ein Trägerprotein (CRM197) konjugierter 7-valenter Pneumokokken-Impfstoff zur Verfügung. Höhervalente Impfstoffe (11 bzw. 13-valent) sind bereits in der klinischen Prüfung.

In den USA besteht bereits seit einigen Jahren eine generelle Impfempfehlung für alle Kleinkinder, die zu einem beträchtlichen Rückgang an invasiven Infektionen in dieser Altersklasse geführt hat. Auch konnte durch das Impfprogramm eine Herdenimmunität bei Senioren erzielt werden, was sich ebenfalls durch einen Rückgang der Morbidität und Mortalität äußert. Derzeit besteht in Deutschland für Kleinkinder nur eine Impfempfehlung bei entsprechenden Risikogruppen. Mit einer generellen Impfempfehlung wird jedoch in Kürze gerechnet.

Im Nationalen Influenzapandemieplan wird darauf hingewiesen, dass eine Steigerung der Durchimpfraten gegen Influenza und Pneumokokken in der interpandemischen Phase, vor allen durch die Erhöhung der Akzeptanz in Risikogruppen, angestrebt werden sollte. Durch eine hohe Pneumokokkenimpfrate bei Risikogruppen wird es im Influenza-Pandemiefall zu einer Verringerung der Gesamtmorbidität und –mortalität kommen, da hierdurch zumindest mögliche bakterielle Superinfektionen durch Pneumokokken während einer Epidemie reduziert werden.

Pneumokokken-Infektionen unterliegen nach dem Infektionsschutzgesetz nicht der Meldepflicht (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010