Bei der akuten peripheren Fazialisparese handelt es sich um ein Syndrom, das durch eine Vielzahl möglicher infektiöser sowie nicht-infektiöser Ursachen bedingt sein kann. Insofern stellt das Krankheitsbild für den behandelnden Arzt oftmals eine diagnostische Herausforderung dar. Oftmals jedoch lässt sich keine ursächliche Diagnose finden, was sowohl für den Patienten als auch den Arzt frustan ist.
Unterschieden werden bei der akuten Fazialisparese eine komplette oder inkomplette, uni- oder bilaterale, motorische und/oder sensible Neuropathie des 7. Hirnnervens. Klinisch betroffen sind die jeweilige Gesichtshälfte, die Halsmuskulatur, die Geschmacksqualitäten der Zunge, die Tränensekretion sowie das Hörvermögen.
Die Inzidenz der akuten peripheren Fazialisparese beträgt in Deutschland jährlich 20 bis 40 pro 100.000 Einwohner. Fallhäufungen treten oftmals bei Kindern in den Sommermonaten auf, was höchst wahrscheinlich auf eine infektiöse Genese zurückzuführen ist. Epidemiologische Untersuchungen zeigten, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer.
07.11.2005 - Akute Fazialisparese: Krankheitsbild mit einer Polyätiologie
Vielzahl möglicher infektiöser und nicht-infektiöser Ursachen
Bei den infektiösen Ursachen sind virale Infektionen an erster Stelle. Hierbei ist insbesondere das Varizella-Zoster-Virus (VZV) sowie das Herpes-simplex-Virus (HSV) zu nennen. Bei diesen beiden zu den Herpesviridae gehörenden Erregern ist die Fazialisparese Folge der Reaktivierung einer latenten Infektion. Bei VZV kann sich diese Reaktivierung zugleich als Zoster (Gürtelrose) äußern. Daneben können eine Reihe anderer viraler Erreger, wie Epstein-Barr-Virus, Cytomegalievirus, Parvovirus B19, Coxsackieviren, ECHO-Viren, Mumpsvirus, Masernvirus, Rötelnvirus, Adenovirus, Influenzavirus, Frühsommer-Meningoenzephalitisvirus, West-Nil-Virus, Sandmückenfiebervirus wie auch HIV, eine Fazialisparese verursachen. Aus der Auflistung der viralen Erreger ist ersichtlich, dass die Differenzialdiagnose sehr komplex ist.
Unter den bakteriellen Erregern sind Borrelien heute die häufigste Ursache einer Fazialisparese. Daneben wurden auch Bartonellen, Rickettsien, Mykoplasmen sowie Leptospiren als Ursache identifiziert. Nicht selten steht die Fazialisparese im Zusammenhang mit bakteriellen Herden, die den Nerven im Verlauf beeinträchtigen, wie insbesondere bei akuter Otitis media, Mastoiditis, Cholesteatom, Zahnwurzelabszessen oder aber einer septischen oder aseptischen Meningitis.
Zu den nicht-infektiösen Ursachen sind zum einen entzündliche Krankheitsbilder zu nennen. Hierunter fallen das Kawasaki-Syndrom, Morbus Still, Lupus erythematodes, Sarkoidose sowie die Amyloidose. Des weiteren kann sich hinter einer Fazialisparese eine neoplastische Erkrankung verbergen, wie insbesondere ein Parotis-Tumor, ein Neurinom, ein Meningeom, Leukämien oder Metastasen.
Fazialisparesen können traumatisch erworben werden. Zu nennen sind geburtshilfliche Komplikationen, Schädeltraumen, operative Eingriffe im Ohr-, Gesichtsschädel- oder Kieferbereich. In diesen Fällen sind die Beschwerden meist nicht reversibel.
Seltenere Ursachen für Fazialisparesen sind eine Schwangerschaft, Hyperthyreodismus, Diabetes mellitus oder die Hämophilie. Beschrieben wurden medikamentös bedingte Fazialisparesen nach Cyclosporin. Darüber hinaus gibt es idiopathische sowie familiär-rekurrente Fazialisparesen.
Bei der Diagnostik gibt die Anamnese in manchen Fällen bereits Hinweise auf die Ätiologie. Eine gründliche Untersuchung und Diagnostik in den betroffenen Fachgebieten (Neurologie, Innere, HNO, Ophthalmologie, Zahnmedizin) sind bei der weiteren Abklärung erforderlich. Bildgebende Verfahren wie CT, MRT und Sonographie sind notwendig. Die Indikation einer Liquorpunktion wird kontrovers diskutiert.
Bei der Infektionsdiagnostik ist der Erregernachweis mit Nukleinsäureamplifikationsmethoden heute Standard; auch der Nachweis von Antikörpern, insbesondere Serum-Liquor-Paaren, kann nützlich sein.
Die Therapie richtet sich nach der Ätiologie. Bei VZV- und HSV wird antiviral mit Aciclovir behandelt; bei bakteriellen Infektionen mit jeweils wirksamen Antibiotika. Beim Kawasaki-Syndrom erwies sich die Gabe von intravenösem Immunglobulin als effektiv. Die darüber hinaus erfolgende Therapie ist symptomatisch. Die Prognose der Erkrankung ist von der Ätiologie sowie den Behandlungsmöglichkeiten abhängig (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010