26.10.2005 - West-Nil-Fieber in den USA

Erneut Infektionen durch Organspenden

West-Nil-Fieber, eine bislang wenig beachtete Arbovirose, ist seit der Einschleppung in die USA und der raschen landesweiten Ausbreitung mit hohen Erkrankungszahlen, im Blickpunkt der amerikanischen Epidemiologen, Virologen, Entomologen und Veterinäre. Da inzwischen wiederholt auch über durch Urlauber importierte Erkrankungsfälle aus Europa berichtet wurde, ist diese Infektion inzwischen auch von reisemedizinischer Bedeutung.

Nach Meldungen der amerikanischen Seuchenkontrollbehörde wurden im Jahr 2005 bis Oktober knapp über 2000 Erkrankungsfälle in den USA registriert. In 39% der Fälle verlief die Infektion als Meningitis oder Enzephalitis, d. h. als neuroinvasive Erkrankung, in 54% als West-Nil-Fieber und in 7% lediglich als unspezifische Erkrankung. Letal verlief die Infektion bei 55 Personen. Der berichtete hohe Anteil an neuroinvasiven Verläufen ist durch die Melderegularien bedingt und entspricht daher nicht dem zu erwartenden Verteilungsmuster von symptomatischer zu asymptomatischer Infektion.

WNV wird durch den Stich von Mücken der Gattung Culex übertragen. Als wichtigster Vektor für Infektionen in Nordamerika gilt Culex pipiens. Tierisches Reservoir sind Vögel, die bei der Ausbreitung des Virus eine wichtige Rolle spielen. Von besonderer epidemiologischer Bedeutung sind daher die Vogelzüge.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass das Virus inzwischen auf einigen karibischen Inseln sowie Ländern Mittelamerikans bereits Einzug gehalten hat. Meldungen über WNV-Infektionen liegen inzwischen von den Cayman-Inseln, der Dominkanischen Republik sowie Kuba vor. Eine zukünftige Ausbreitung des Virus nach Südamerika gilt als Folge der Vögelzüge als wahrscheinlich.

West-Nil-Fieber in den USA - erneut Infektionen durch Organspenden (Infografik: mediXtra)

Über die Übertragung von WNV durch Bluttransfusionen wurde in den USA bereits 2002 berichtet. Inzwischen werden Blutkomponenten regelmäßig auf eine WNV-Infektion getestet, so dass dieses Problem inzwischen wohl als beherrscht anzusehen ist. Allerdings zeigen die erneuten Infektionen, die durch die Transplantation von Organen eines infizierten Spenders verursacht wurden, dass dieser Infektionsweg weiterhin Probleme bereitet. Berichtet wurde im September 2005 über 3 Infektionen bei 4 Empfängern von Organen (Niere, Lunge, Leber) eines Spenders, der an den Folgen eines Schädeltraumas und resultierendem epiduralen Hämatom verstorben war. Der Organspender hielt sich vor seinem Tod häufig im Freien. Retrospektive Untersuchungen ergaben, dass in dieser Region WNV-infizierte Moskitos festgestellt wurden.

Auch berichtete die Frau des Organspenders, dass der Mann kurz vor seinem Tod eine fieberhafte Erkrankung durchgemacht hatte. In retrospektiven Analysen fanden sich im Serum des Organspenders zum Zeitpunkt des Todes IgM- wie auch IgG-Antikörper gegen WNV. Allerdings ließ sich keine genomische WNV-RNA im Serum mittels Nukleinamplifikationsmethoden (NAT) nachweisen. Aus diesem Fall wird  daher gefolgert, dass WNV trotz negativer Befunde im Serum mittels NAT durchaus in Organen vorübergehend persistieren kann und so im Falle einer Organtransplantation auf die Empfänger übertragen wird. Bei den klinisch erkrankten Organempfängern wurde eine experimentelle Therapie mit einem humanen Immunglobulin (Omr-IgG), welches einen hohen Titer an neutralisierenden Antikörpern gegen WNV aufweist, durchgeführt. Eine klinische Besserung wurde durch die Therapie jedoch nicht erreicht. Derzeit wird in den USA eine plazebo-kontrollierte, doppelblinde klinische Studie mit diesem Immunglobulin durchgeführt. 

Nach diesem zweiten Fall einer WNV-Übertragung durch Organtransplantation hat jetzt in den USA eine Diskussion begonnen, ob neben dem Blutspendewesen auch im Bereich der Transplantationsmedizin Organspender routinemäßig auf WNV-RNA untersucht werden sollten. Wie jedoch dieser Fall zeigt, gibt es Einschränkungen in der Aussagekraft der Testung mittels NAT, wenn der Organspender nach der akuten Infektion bereits wieder WNV-RNA-negativ ist.

Die Konsequenzen der Epidemie, die im illegalen Transport eines WNV-infizierten Vogels aus Israel im Jahr 1999 ihren Anfang nahmen, sind hinsichtlich ihrer medizinischen wie auch ökonomischen Konsequenzen für Nord-, Mittel- und Südamerika wie auch der Karibik derzeit bei weitem noch nicht abschätzbar (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010