Anatomie für Künstler: medizinische Illustrationen und Grafiken

Medizinisch-anatomische Illustration: Illustration am Präparat - Erstellung und Korrektur am Original

Interview mit Prof. Winfried L. Neuhuber, Ordinarius für Anatomie an der Friedrich-Alexaner-Universität Erlangen-Nürnberg, zum Thema Künsterl-Anatomie und Medical Illustration

Interview mit Prof. Winfried L. Neuhuber, Ordinarius für Anatomie an der Friedrich-Alexaner-Universität Erlangen-Nürnberg, zum Thema Künsterl-Anatomie und Medical Illustration.


Prof. Neuhuber, Sie bieten an der Universität Erlangen auch den Kurs "Anatomie für Künstler" an. Dabei legen Sie besonderen Wert, nicht nur die äußere Form des Körpers und die reliefbildenden Muskeln und Skelettelemente in systematischer Art zu vermitteln, sondern auch die genialen Bauprinzipien des menschlichen Körpers zu erhellen. Bieten aus Ihrer Sicht medizinisch-anatomische Illustrationen die ideale Bildform (gegenüber etwa Film oder Fotografie), um die Funktionsweise der Organe, Gewebe und Zellen und eine strukturell-funktionelle Realität des menschlichen Körpers zu vermitteln?

Prof. Neuhuber: Illustrationen haben gegenüber Fotos den Vorzug, dass sie komplexe Strukturen idealisiert überhöhen und so verständlicher machen können.

Das Begreifen der Funktionsweise der Körperstrukturen erfordert auch eine Darstellung und Verständnis feinstruktureller, mikroskopischer Gegebenheiten. Ist die herkömmlichen "Künstleranatomie" überholt? Ist die hochwertige Erstellung von med-wiss. Illustrationen überhaupt nur noch im interdisziplinären Team von Künstler und Wissenschaftler gewährleistet?

Prof. Neuhuber: Die herkömmliche Künstleranatomie ist für wissenschaftlich korrekte Darstellungen der anatomischen Verhältnisse ungeeignet; dies ist auch nicht ihr Anliegen. Nichtsdestoweniger glaube ich, dass der Künstler von einem Einblick in die "korrekten" anatomischen Verhältnisse für seine künstlerische Arbeit profitiert; nicht, dass er nachher "korrektere" Muskelmännchen malt, sondern dass er auf neue künstlerische Ideen aufgrund tieferer Einsichten kommt.

Im übrigen war es ja immer so, dass medizinisch-wissenschaftliche Illustrationen nur in Zusammenarbeit von Künstler und Wissenschaftler, auch in Personalunion, "etwas werden" konnten.

Medizinische Illustrationen vereinen schon über Jahrhunderte eine Höchstmaß an künstlerischem Anspruch und Wissenschaft: "Medical Illustrators draw what can´t be seen watch what´s never been done, and tell tousands about it without saying a word" (Frank Netter MD). Könnten jetzt medizinisch-anatomische Illustrationen in der heutigen Zeit der Bilderflut, des "Infotainments" und der selbst ernannten Wissengesellschaft eine Renaissance erleben?

Prof. Neuhuber: Gab es denn vor der Zeit der "Bilderflut" ein mangelndes Interesse an medizinischen Illustrationen?

Vereinzelte sachliche Fehler in anatomischen Zeichnungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die heutige Fach-Literatur. Im Internet werden Grafiken im eiligen Medienbetrieb recherchiert, kopiert und oft ungeprüft zeichnerisch verändert (Copy ´n taste), so dass nach Auslegung des Gesetzgebers die "gestalterische Höhe" erreicht wird und das Urheberrecht nicht verletzt wird. Wir setzen bewußt auf die fachliche Erstellung und Korrektur am Präparat. Wie verhält es sich Ihres Erachtens mit Qualitätsanspruch in Zukunft? Sollten Anatomie-Atlanten nicht zertifiziert werden oder einem Qualitätsmanagement unterzogen werden?

Prof. Neuhuber: Wer soll zertifizieren? Anatomieatlanten werden von Anatomen verfaßt. Jeder Autor ist dankbar für Hinweise aus Kollegenkreisen auf Fehler und Irrtümer in seinem Text und in den Abbildungen. Wenn dieses Instrument der Kollegenkritik angewandt wird, ist es sehr effizient.

Anatomie für Künstler: medizinische Illustrationen und Grafiken

Ist die Plastination oder die Illustration der bessere Weg?

Prof. Neuhuber: Plastination und Illustration sind keine Gegensätze. Jede Methode ist für bestimmte Zwecke besser geeignet als die andere. Plastination ist eine vorzügliche Methode, um "begreifbare" Anschauungspräparate herzustellen. Man muß nur genau wissen, was man darstellen möchte. Die Möglichkeiten, bestimmte schwer verständliche Strukturen klarzumachen, sind allerdings wie bei jeder Präparationstechnik begrenzt. Da kann die Illustration mit ihrer Möglichlichkeit zur Idealisierung (s. o.) helfend einspringen.


Das Interview führte Andreas Frädrich 2004 (Deutscher Infografikdienst).

Winfried L. Neuhuber

geboren 28. Juli 1951 in Gmunden, Österreich
österreichischer Staatsbürger

1957 - 1961  Volksschule in Ebensee, Oberösterreich
1961 - 1969  Gymnasium in Gmunden, Oberösterreich
09.06.1969  Matura
1969 - 1975  Medizinstudium in Wien
25.06.1975  Promotion zum Dr. med. univ.
1975 - 1978  Assistent am Anatomischen Institut in Wien bei Prof. W. Zenker
1978 - 1979  Assistent am Anatomischen Institut in Zürich bei Prof. W. Zenker
1979 - 1983  allgemeinmedizinische Ausbildung in Hamburg und Bad Ischl    (Oberösterreich)
1983 - 1992  Oberassistent am Anatomischen Institut in Zürich bei Prof. W. Zenker
1989   Habilitation für Anatomie, Histologie und Embryologie, Zürich
seit April 1992 Ordinarius für Anatomie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg [mehr]

Erstellung und Korrektur medizinischer Illustrationen am Präparat