In einer aktuellen Mitteilung weisen die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) und die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) auf eine ungewöhnliche Häufung an Fällen (n=5) von Guillain-Barré-Syndrom, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Verabreichung des tetravalenten Meningokokken-Konjugatimpfstoffs Menactra® aufgetreten waren, hin. Seit Februar 2005 besteht in den USA eine generelle Impfempfehlung für Meningokokken für alle Jugendlichen im Alter von 11 bis 12 Jahren.
Zudem wird empfohlen alle bislang nicht geimpften Jugendlichen vor Eintritt in die "High School" (15 Jahre) sowie Erstsemester-Studenten, die in Gemeinschaftsunterkünften wohnen zu impfen. Weiterhin besteht eine Impfempfehlung für Personen mit diversen Risiken. Bei Menactra® (Hersteller: Aventis Pasteur) handelt es sich um einen Konjugat-Impfstoff, bei dem die Kapselpolysaccharide der Meningokokken-Stämme A, C, Y und W135 and Diphtherietoxin gekoppelt wurden.
In Deutschland ist dieser Impfstoff noch nicht zugelassen. Seit der Zulassung des Impfstoffs im März 2005 wurden bislang etwa 2,5 Millionen Dosen in den USA verimpft. In den klinischen Studien waren keine Fälle von GBS aufgetreten. Die 5 gemeldete Fällen von GBS traten bei 17- bis 18-Jährigen zwischen Juni und Juli 2005 in unterschiedlichen Orten auf.
Die Symptome begannen 14 bis 31 Tage nach der Impfung. Insgesamt kamen bei diesen Patienten 4 verschiedene Produktionschargen zur Anwendung. Eine Begleitinfektion ließ sich zumindest für die derzeit bekannten Erreger ausschließen. Allerdings muss bedacht werden, dass es gerade in den Sommermonaten oftmals zum Beispiel zur Häufung von Enterovirusinfektionen kommt, die nicht immer diagnostiziert werden und somit durchaus diese Häufung von GBS in den USA erklären könnten.
Beim GBS handelt es sich um eine symmetrische, meist aufsteigende Polyneuropathie mit charakteristischen Liquorveränderungen. Meist steht die Erkrankung im zeitlichen Zusammenhang mit vorangegangenen viralen oder bakteriellen Infektionen. Unklar ist, ob das GBS nur zufälligerweise koinzidenziell mit diversen Infektionen auftritt oder ob ein Kausalzusammenhang besteht.
Aufgrund einer auffälligen Häufung von GBS nach Impfungen gegen Schweine-Influenza in den Jahren 1976/77 in den USA wurde damals zumindest aufgrund der epidemiologischen Daten ein Zusammenhang für möglich erachtet. Ein GBS wurde nach nahezu allen Impfungen in Einzelfällen berichtet, wobei die Häufigkeit keine epidemiologische Auffälligkeit zeigte. Bei Personen im Alter von 11 bis 19 Jahren beträgt die Inzidenz von GBS 1-2 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies gilt sowohl für die USA als auch Deutschland.
Betrachtet man die 5 Fälle, die in zeitlichem Zusammenhang nach Impfung mit Menactra® aufgetreten waren, so entspricht die Häufigkeit der der natürlichen Inzidenz. Ungewöhnlich ist jedoch die relative Häufung innerhalb eines kurzen Zeitraumes.
Von den konjugierten Meningokokken-Monovakzinen, die als Konjugat entweder Diphtherie- oder Tetanus-Toxoid beeinhalten, wurden seit 1999 etwa 30 Millionen Dosen bei Personen unter 18 Jahren im Vereinigten Königreich verimpft. Gemeldet wurden in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung lediglich 5 Fälle, was weniger als die natürlicherweise zu erwartende Inzidenz ist.
Die amerikanischen Behörden halten wegen des hohen Nutzens der Meningokokken-Impfung für die Jugendlichen trotz der aktuellen Beobachtungen weiter an der generellen Impfempfehlung fest, fordern jedoch die Ärzteschaft auf, verstärkt auf eventuelle Fälle von GBS zu achten.
Nach dem Infektionsschutzgesetz §6, Abs. 1, Zi. 3 ist der Verdacht auf eine über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehende gesundheitliche Schädigung namentlich zu melden (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
© Medizinische Enzyklopädie 2010