13.05.2009 Verloren im Netz: Internet-Sex-Sucht trübt den Blick für das richtige Leben

Psychotherapie bietet Hilfe für MuschiMaus, DarkMaster & Co.

Ein Beitrag von Cornelius Bischoff

"Ich lebe online" – dieser Werbespruch eines führenden Anbieters von Internetdiensten ist für einen wachsenden Teil der Web-Nutzer zu einer traurigen Wahrheit geworden. Fachleute warnen, dass immer mehr Menschen über das Internet ihren Kontakt in die reale Welt verlieren. Rund zehn Prozent aller regelmäßigen Internet-Nutzer hätten inzwischen Sehnsüchte und Fantasien an die Stelle ihrer vernachlässigten Familien gesetzt, heißt es in einer aktuellen Studie.

Dieses Ergebnis bestätigen Beobachtungen von Fachärzten an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Städtischen Krankenhaus Pirmasens. "Auch die Internet-Sucht zählt, neben dem Handy-Wahn, zu den Schattenseiten unserer Gesellschaft", sagt Chefarzt Dr. med. Stephan Rambach. Doch während sich die Angst, wichtige Neuigkeiten zu verpassen, wenn das Mobiltelefon einsam auf dem Küchentisch klingelt, in erster Linie auf das Wohlbefinden des jeweiligen Handy-Fetischisten auswirkt, belasten die Verlockungen des weltweiten Datenverbundes ungezählte Ehen, Partnerschaften und andere Lebensgemeinschaften. Millionen von Ehemännern und verheiratete Frauen durchstreifen rund um die Uhr die anonymen Kontaktbörsen und Plauderecken des Internets auf der Suche nach sexueller Befriedigung.

"Die Hauptursachen für die steigende Nachfrage nach virtuellem Sex liegen in Anonymität und Unverbindlichkeit der Kontakte", erklärt Dr. Rambach. Natürlich sei den meisten Nutzern bewusst, dass die Chancen, "Muschimaus" und "DarkMaster" im "richtigen Leben" zu treffen gegen Null gehen.

"Wer sich im Alltag als unattraktiv und langweilig empfindet, trägt diese Angst auch in den Cyberspace", sagt der Psychiater. Aber das "richtige Leben" sei vielen Internet-Sex-Süchtigen ohnehin lange egal. "Diesen Menschen geht es darum, ihre Wunschvorstellungen im  stillen Kämmerlein auszuleben, ohne sich mit den Problemen zu belasten, die eine Beziehung zwischen handelnden Partnern mit sich bringt", erklärt Dr. Rambach.

Beängstigend ist, dass die Sucht nach dem anonymen Schwelgen in der eigenen Fantasie keineswegs nur schüchterne Computer-Jünger befällt; immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft suchen ihre Befriedigung in den einschlägigen Angeboten, die inzwischen buchstäblich jede Spielart bedienen. Dank schneller Internetverbindungen und günstigen Festpreisen, den so genannten Flatrates, wird es den Süchtigen möglich, Stunden und Nächte vor dem Computer zu verbringen – alleine, mit sich und der Illusion von Sex.

CA Dr. med Stephan Rambach

Es liegt auf der Hand, dass sich das ständige Angebot, seine Fantasien virtuell und anonym auszuleben, zu einer ganz realistischen und überaus bedrohlichen Sucht entwickeln kann.

Dr. med. Rambach: "Die Prozesse und Veränderungen, die in Gehirn und Psyche der Internet-Sex-Junkies stattfinden, sind dieselben, wie sie bei den stoffgebundenen Süchten auftreten." Am Anfang steht ein Lernprozess, in dem der Nutzer erfährt, dass die vordergründige Befriedigung eines Mangelempfindens auf Knopfdruck möglich ist. Die schnelle Lust macht schnell Lust auf mehr und so beginnt ein Kreislauf, der bei vielen in der Sucht endet. Dieser Prozess wächst mit der Erkenntnis, dass man Partner, die einem auf die Nerven gehen, per Mausklick aus der Kommunikation ausblenden kann. Im "richtigen Leben" wäre nun der Zeitpunkt gekommen, sich mit diesem Menschen auseinandersetzen.

"So werden die Werte „Sex“ und „Menschsein“ für diese Art Internet-Junkies zu etwas austauschbarem", erklärt der Facharzt. Unwillkürlich drängt sich die Frage nach den Auswirkungen dieser Einstellung auf den Umgang der Süchtigen mit  ihrer Umgebung auf. Der Psychiater ist überzeugt, dass auch in diesem Fall die Sucht zu einer Einbahnstraße wird, die - wann immer die Last der Vereinsamung droht, den Abhängigen zu ersticken - in verzweifelten Befreiungsschlägen enden kann. "Es ist ein Teufelskreis", sagt Dr. Rambach: "Einerseits fördert die Entwicklung unserer Gesellschaft eine Anonymisierung des Einzelnen, andererseits hat  jeder Mensch das Bedürfnis nach Ansprache und zwischenmenschlichem Kontakt."

So glauben immer mehr Netznutzer an den Selbstbetrug in den kommerziellen Kontaktbörsen und Chaträumen des Internets und in der Folge wächst die Zahl der Menschen, die kontaktunfähig sind und unter ihrer Einsamkeit leiden. Einen Ausweg für "Strapsmaus48" und "BongoMann" bietet alleine der "Aus"-Knopf am Monitor. Dr. Rambach: "Nur wer sich traut, wieder auf die Straße, ins Schwimmbad und in die Stadt zu gehen, wird herausfinden, ob da draußen nicht vielleicht doch der ein oder andere herumläuft, mit dem man auch im Alltag ganz handfesten Spaß haben kann."

In einer Therapie lernen diese Patienten, wieder mit Zeitgenossen aus Fleisch und Blut umzugehen. Dann geht es, neben Kommunikationsfähigkeit und sozialer Kompetenz, darum, zu erkennen, wie man einen Tag sinnvoll strukturiert, ohne zu bestimmten Zeiten mit der virtuellen Welt des Internets verbunden zu sein.

Dr. Rambach: "Am Anfang kann es, wie bei allen Suchtformen, sogar nötig sein, medikamentöse Entzugshilfe einzusetzen." Im weiteren Verlauf können Antidepressiva helfen, die auch von Menschen eingenommen werden, die unter Angst- und Depressionserkrankungen leiden. Besonders wichtig aber ist stets das unterstützende psychiatrische Gespräch und eine Psychotherapie. Dann aber stehen die Chancen gut, dass auch der einsamste "DarkKnight" eines Tages erkennt, dass nicht über den Kuss der vielfältigen "Herzdamen" geht, die man(n) nur im täglichen Leben, beim Einkaufen, an der Tankstelle, in der Schule oder am Arbeitsplatz findet.

© Medizinische Enzyklopädie 2010