26.04.2009 - Wann kommt die Influenza-Pandemie?

Influenza-Pandemie: Sind wir vorbereitet?

Nicht zuletzt durch das epidemische Auftreten der Vogelgrippe, ausgelöst durch ein Influenzavirus vom Typ H5N1, stellt sich die Frage, in wieweit Vorbereitungen getroffen wurden, um im Falle einer Pandemie die Bevölkerung zu schützen. Von Seiten der Behörden wurden inzwischen in den meisten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union Pandemiepläne erarbeitet, an deren Implementierung gearbeitet wird. Nicht zu vergessen ist die Schaffung einer neuen Behörde, dem "European Centre for Disease Control and Prevention (ECDC)" in Solna, Schweden, die nach dem amerikanischen Vorbild zukünftig eine zentrale Rolle bei der Infektionsprävention und –bekämpfung in Europa übernehmen soll.

Die Welt befindet sich derzeit in einer interpandemischen Phase, die dazu genutzt werden kann, entsprechende Vorkehrungsmaßnahmen zu treffen, um beim Auftreten der ersten Influenzafälle gewappnet zu sein. So hat zum Beispiel das Bundesministerium für Gesundheit für die pharmazeutische Industrie einen Betrag von 20 Millionen Euro bereitgestellt, um Projekte, wie zum Beispiel die Herstellung einer Influenza H5N1-Mockvakzine, zu fördern. Dies wurde auf der 2. Europäischen Influenza-Konferenz (Malta, 11.-14.09.2005) bestätigt. Es besteht allerdings derzeit Einigkeit, dass mit dem Auftreten der ersten Fälle von pandemischer Influenza noch kein Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Als potenzielle Ausbruchsregion gilt seit jeher Südostasien.

Einigkeit besteht zwischen Wissenschaftlern und Behörden, dass bei der initialen Bekämpfung einer Influenza-Pandemie die rasche Verfügbarkeit von Neuraminidase-Inhibitoren von zentraler Bedeutung sein wird. Die derzeitigen politischen Beschlüsse zur Bevorratung werden als essential angesehen, da mit dem Auftreten einer Pandemie von einer raschen Verknappung der notwendigen Medikamente auszugehen ist. Die Firma Roche hat bereits erklärt, dass sie die Kapazitäten für die Herstellung von Oseltamivir bereits hochgefahren hat.

Weitere Produktionssteigerungen wurden zugesichert. Neu ist, dass Oseltamivir, das bisher in nur Kapselform zugelassen ist, jetzt als "Bulk"-Ware in Plastiktüten an Behörden geliefert werden, um dann aufgelöst in Wasser im Notfall abgegeben werden zu können. Studien haben gezeigt, dass diese Formulierung der bisherigen bioäquivalent ist.

Befürchtungen, dass Oseltamivir gegen H5N1-Stämme resistent ist, konnte in Untersuchungen widerlegt werden. Ob es jedoch bei einer Pandemie doch zur Resistenzentwicklung kommt, ist jedoch nicht abzusehen. 

Wichtigste Strategie bei der Bekämpfung einer Pandemie wird die schnelle Verfügbarkeit eines Impfstoffs sein. Auch ein Pandemie-Impfstoff muss nach dem Arzneimittelrecht die notwendigen Voraussetzungen erfüllen. Das Zulassungsverfahren verläuft bisher nach einem vorgegebenen Schema und die klinischen Studien umfassen einen mehrmonatigen Zeitraum.  Im Pandemiefall bedarf es daher einer Beschleunigung des Verfahrens.

Hierzu wurden jetzt wichtige Voraussetzungen geschaffen. Die europäische Arzneimittelbehörde (EMEA) hat erklärt, dass die pharmazeutischen Hersteller heute bereits ein "Core Dossier" einreichen können, in dem  80% der benötigten formalen Punkte geklärt werden können. Sollte ein Pandemie-Impfstoff notwendig werden, bedarf es daher nur ergänzender Unterlagen, um damit die Zulassung des Impfstoffs zu erhalten. Bemerkenswert ist, dass Influenza-Impfstoffe für den weltweiten Bedarf nur in 5 Ländern  hergestellt werden.

Bisher stehen Influenza-Impfstoffe nur für 5% der Weltbevölkerung zur Verfügung. Um die jährlichen regulären Grippe-Epidemien zu kontrollieren und die Morbidität und Mortalität der Infektion zu reduzieren, bedarf es daher einer Erhöhung der Produktion. Dies wiederum ist mit der bisherigen Technologie, die auf der Herstellung der Impfstoffe auf Hühnereiern basiert, nicht möglich. Mehrere Pharmafirmen forschen an der Entwicklung von Influenza-Impfstoffen, die auf Zellkulturen produziert werden können. Nur hierdurch lässt sich die Zahl der Impfstoffdosen steigern.

Weitere Fortschritte, insbesondere eine verbesserte Immunantwort, wird durch eine Adjuvanzierung der Impfstoffe zu erwarten sein. In Studien konnte gezeigt werden, dass sich durch die intrakutane Applikation Impfantigen einsparen lässt. Auch dies könnte ein Ansatz sein, um für mehr Menschen Grippe-Impfstoff  bereitstellen zu können (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).

© Medizinische Enzyklopädie 2010