09.09.2005 - Wachstum durch Gesundheits-Wirtschaft

Bericht vom 1. Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg

"Das Gesundheitswesen ist wie eine Feuerwehr, die jeden Brand löschen soll, dazu aber nur eine begrenzte Menge Wasser erhält." Mit  dieser Metapher brachte Berlins Gesundheitssenator a.D. Ulf Fink in seiner Eröffnungsrede zum 1. Gesundheitswirtschaftskongress die Probleme der Branche auf den Punkt. Im Gegensatz zum Berliner Hauptstadtkongress versteht sich der Gesundheitswirtschaftskongress vor allem als Forum für die im Gesundheitswesen agierenden Unternehmen.

Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg (Foto: Holger Schmidt)

Ihre Sichtweise soll dargestellt werden, um die Krankenhäuser aus der Finanzkrise zu führen und den Reformstau im Gesundheitswesen zu beenden. Neben der Präsentation bereits bekannter Lösungsmodelle (Public-Private-Partnerships beim Krankenhausbau, Facility Management und Outsourcing,  Gesundheitskarte und eHealth) wurden folgende Trends und Entwicklungen thematisiert:

Krankenhaus-"Label" oder "Consumer Benefit"

Wie erreicht ein Krankenhaus Kundenbindung? Steht eine Klinik eher für "High Tech" oder "High Touch"?  Voraussetzung ist, dass das "Bild" des  Krankenhauses, dass sich im Unterbewusstsein des Patienten gebildet hat, über Befragungen ("Beschreiben Sie das Krankenhaus als Tier") ermittelt wird. Dann könnte es möglich sein, den Patienten auf einer emotionalen Ebene zu erreichen.

"Markenmedizin" soll dem Patienten eine Orientierungshilfe bei der Krankenhauswahl bieten. Worin besteht der Vorteil für den Patienten, wenn er eine bestimmte Klinik für seine Behandlung wählt? Ein Weg wäre, den "Clinical Pathway" so zu gestalten, dass er einen positiven Eindruck beim Patienten hinterlässt. Nach Ansicht von Dr. Axel Präger, Vorstandsvorsitzender der "AMEOS-Kliniken" ist diese Möglichkeit durch Therapie-Leitlinien begrenzt.  Oder sollte man soweit gehen wie die Horst-Schmidt-Klinikkette, die selbst medizinfremde Bereiche, beispielsweise das angebotene Mineralwasser, mit dem Krankenhaus-Label ausstatten will?

In Zukunft könnte es medizinische  Leistungen geben, die nur in bestimmen Krankenhäusern angeboten oder von bestimmten Krankenkassen bezahlt werden.

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Prävention als 4. Säule des Gesundheitswesens

Das Präventionsgesetz sei ein "bürokratisches Monster", trotzdem hat man mit seiner Vertagung eine Chance verpasst, klagte Prof. Günther Lob, Mitglied des deutschen Ärztetages.  In der Morbiditätsstatistik stehen Krankheiten wie KHK, Krebs, Bluthochdruck und Diabetes an oberster Stelle. Allein die Kosten für die Behandlung des Diabetes und seiner Folgen betragen über 30 Mrd. Euro im Jahr. Um eine Kostendämpfung zu erreichen, soll Prävention als 4. Säule des Gesundheitswesens neben Kuration, Rehabilitation und Pflege etabliert werden. Die Prävention soll aber nicht nur durch gesetzliche Maßnahmen geregelt werden - auch medizinische  Unternehmen arbeiten an Lösungen und Strategien.

Thomas Altgeld, Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V., forderte darüber hinaus eine Zielgruppenspezifische Prävention, da vor allem bildungsferne und finanziell schlechter gestellte Bevölkerungsgruppen überproportional an dieser Kostenentwicklung beteiligt seien.

Budgetierung als Wachstumshindernis

Der Unmut der Medizintechnik-Branche war spürbar. "Wir sind in Deutschland überreguliert", sagte Anton Schmidt, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Medizintechnik. Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor, dessen Wachstum durch die Budgetierung behindert würde. Ohne Wachstum könne die Gesundheitsbranche nicht als Job-Motor fungieren.

Die Kritik richtete sich vor allem gegen den Gemeinsamen Bundesausschuss. Lange Genehmigungsverfahren verzögerten die Einführung neuer Diagnose- und Therapietechnik um bis zu drei Jahre. Um aber die häufigsten Erkrankungsarten wie KHK und Krebs behandeln zu können, müsse das Spektrum erweitert werden. Hoffnungen werden beispielsweise auf die molekulare Bildgebung gesetzt, die sich in Zukunft als gentechnisches Diagnoseverfahren neben der morphologischen Darstellung etablieren könnte. Diese Entwicklung dürfe nicht behindert werden. Schon jetzt sei Deutschland in Gefahr, seinen 3.Platz im internationalen Ranking der Medizintechnik-Hersteller an China zu verlieren.

"Burnout-Syndrom" der Solidargemeinschaft?

In fünf Thesen formulierte Kongresspräsident Prof. Heinz Lohmann die Erwartungen der Gesundheitswirtschaft an die Politik: Ablösung des Budgetsystems durch ein Vertragsprinzip; Abbau der Überregulierung und Förderung der unternehmerischen Kreativität; Vernetzung als Voraussetzung für Hochleistungsmedizin; Komplexleistung zu Komplexpreisen für eine sektorenübergreifende Medizin; Die Aufgabe des Staates sei es, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen und die Qualitätssicherung sowie den Patientenschutz zu regeln.

Insofern war der 1. Gesundheitswirtschaftskongress auch eine politische Veranstaltung (Holger Schmidt)

© Medizinische Enzyklopädie 2010