Eine neue, aufsehenerregende Untersuchung beschreibt einen Zusammenhang zwischen der Verwendung von menschlichen Leichenteilen bei der Herstellung von Tiermehl und dem Auftreten der bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE). Seit Mitte der 1980er Jahre ist BSE immer wieder in den Schlagzeilen. Die Epidemie hatte in mehreren Ländern seither erhebliche wirtschaftliche, politische sowie auch medizinische Auswirkungen. Zeitlich verzögert kam es zum Auftreten der Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (vCJK) beim Menschen, einer Prionen-Infektion, die eng mit BSE assoziiert ist. Allein im Vereinigten Königreich wurden bis zum September 2005 insgesamt 157 Erkrankungsfälle an vCJK registriert.
Über die Ursachen, die zum Auftreten von BSE führten, gibt es mehrere Theorien. Erklärt wird dies durch einen extrinsischen Ursprung, d. h. eine Übertragung durch eine andere Tierspezies (Schaf, Wildtiere) oder den Menschen, oder eine intrinsische Ursache, z. B. eine spontane Mutation. Auch prädisponierende Faktoren des Wirts oder eine Exposition zu Pestiziden, wie Organophosphaten, wurden angeschuldigt.
08.09.2005 - BSE durch menschliche Leichenteile im Tiermehl verursacht?
Eine neue Hypothese sieht den Mensch als Ursache für BSE
Eine neue Untersuchung, die jetzt im renommierten Wissenschaftsjournal "The Lancet" publiziert wurde, diskutiert die Möglichkeit, dass das Auftreten von BSE durch menschliche Leichenteile oder Gewebe verursacht worden sein könnte. Hintergrund ist die Tatsache, dass Tiermehl, das in den 1960er und 1970er Jahren in Südostasien hergestellt wurde, menschliche Knochen und Weichteile von Leichen enthielt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auf diesem Wege Gewebsmaterial von Menschen, die an einer transmissiblen spongiformen Enzephalopathie, dass heisst einer Creutzfeldt-Jakob-artigen Erkrankungen, verstorben waren, in das Tierfutter gelangt ist.
Dass es sich bei den Funden von menschlichen Knochen im Tiermehl um keinen Sonderfall handelt, belegen Berichte aus dem Jahr 1996, wonach auch in der Schweiz humane Plazentae aus Kliniken an Hersteller von Tiermehl geliefert worden waren. Dort wurden die humanen Gewebe mit toten Haustieren gemischt und zu Tierfutter verarbeitet. Hierüber wurde bereits in der Zeitschrift "New Scientist" berichtet. Die Behörden aus Zürich bestätigten, dass ca. 820 kg von humanen Plazentae zwischen 1995 bis 1996 zu Tierfutter verarbeitet worden waren.
Ob diese Praxis auch in anderen Ländern bis zum Auftreten von BSE üblich war, ist nicht bekannt und lässt sich nur daher nur vermuten. Unternehmen aus dem Vereinigten Königreich importierten in den 1960er und 1970er Jahren mehrere 100.000 Tonnen an Knochen, Knochenmehl und Gewebsteilen für die Herstellung von Tiermehl und Tierfutter. Über 50% kamen dabei aus Bangladesh, Indien und Pakistan, wo das Sammeln von Knochen in ländlichen Gebieten oder entlang der Flüsse seit langem eine Tradition darstellt. Im Hinduismus werden Leichen in Flüssen bestattet. Oftmals erfolgt jedoch in Ermangelung von genügend Brennmaterial keine ausreichende Verbrennung der Toten vor der Wasserbestattung, so dass die Leichen in die Flüsse gelangen und dort verwesen. Statistisch versterben in Indien jährlich etwa 120 Menschen an der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung.
Die hier vorgestellte Hypothese sieht als Ursache für das Auftreten von BSE daher den Menschen. Die Forscher postulieren, dass Gewebe oder Knochen eines Patienten, der an einer transmissiblen Enzephalopathie (Prionenkrankheit) verstorben war, auf oralem Weg über kontaminiertes Tiermehl oder –futter vom Indischen Subkontinent in die Rinderpopulation in das Vereinigte Königreich gelangt ist und so die BSE-Epidemie ausgelöst hat. Unabhängig davon, ob die neue Hypothese wirklich zutreffend ist, wird hier eine ungewöhnliche Form des Umgangs mit menschlichen Überresten deutlich, die letztlich auch als eine Form eines indirekten Kannibalismus interpretiert werden könnte (Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).
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