Erythema infectiosum (synonym: Ringelröteln), verursacht durch das humane Parvovirus B19 (B19), ist durch ein Exanthem, grippale Symptomatik, Polyarthralgien bzw. Polyarthritis und/oder Lymphadenopathie charakterisiert. Die Morphologie des Exanthems reicht von typisch girlandenförmig oder retikulär bis zu eher rubelliformer oder morbilliformer Konfiguration. Der Gelenkbefall ist symmetrisch und betrifft insbesondere die kleinen Gelenke. Die Inkubationszeit beträgt 7 bis 12 Tage. Am häufigsten wird B19 durch die Tröpfcheninfektion übertragen. Parenteral übertragene Infektionen durch Blutprodukte sind möglich.
10.11.2009 - Parvovirus B19-Infektion: Weiterhin weltweite Gefahr für den Fetus
Ringelröteln: Gefahr für den Fetus in der Schwangerschaft
Besondere Bedeutung hat dieses Virus in der Schwangerschaft, da es in Folge einer diaplazentaren Übertragung zum Hydrops fetalis mit resultierendem intrauterinen Fruchttod kommen kann. Nach der Infektion der Schwangeren kommt es in 5 bis 10% der Fälle zu fetalen Komplikationen, die unterschiedlich schwer ausgeprägt sein können.
Die Latenzzeit zwischen der mütterlichen Infektion und dem Auftreten der fetalen Komplikationen kann bis zu 18 Wochen betragen. In den meisten Fällen kommt es jedoch bereits innerhalb der ersten 4 Wochen nach den mütterlichen Infektion zu den fetalen Auffälligkeiten. Die B19-Infektion kann in jedem Gestationsalter zu fetalen Komplikationen führen.
Besonders gefährdet sind Feten zwischem der 20. und 28. Schwangerschaftswoche. Als Folge der virusbedingten Zytolyse der fetalen Erythroblasten resultiert eine unterschiedlich ausgeprägte Anämie. Dies wiederum bedingt einen generalisierten Hydrops mit Aszites, Perikarditis, Pleuritis und Hautödem, die sich durch Ultraschalluntersuchung darstellen lassen. Vereinzelt wurde auch über eine Infektion der fetalen Myokardzellen berichtet.
Nach Schätzungen kommt es in Deutschland jährlich zu 300 bis 500 Fällen von B19 verursachten Aborten. Bei der Behandlung des B19-assoziierten Hydrops fetalis hat sich die intrauterine Transfusion als Behandlungskonzept durchgesetzt. Spätschäden nach einer in utero erfolgten B19-Infektion bzw. nach durchgeführter intrauteriner Transfusion sind bis dato nicht bekannt.
Bei Patienten, die aufgrund einer anderen Erkrankung eine verkürzte Erythrozytenüberlebenszeit (z. B. Sichelzellanämie, Thalassämie, Sphärozytose) haben oder an knochenmarksproliferativen Prozessen leiden, kann B19 eine aplastische Krise verursachen. Ursache hierfür ist eine lytische Infektion in den erythroiden Vorläuferzellen, die die Zielzellen dieses Virus darstellen. Weitere Manifestationen der akuten B19-Infektion sind eine vaskuläre Purpura, das "Glove-and Socks"-Syndrom, Myokarditis, Enzephalitis, Meningitis und Hepatitis.
Die B19-Infektion ist weltweit verbreitet und zeigt eine altersabhängige Zunahme der Prävalenz. Häufig kommt es zu Kleinraumepidemien in Kindergärten oder Schulen, die regional mit unterschiedlicher Intensität auftreten. Nach durchgemachter Infektion besteht in der Regel eine lebenslange Immunität. Reinfektionen sind selten. Chronische B19-Infektionen werden bei Patienten mit hereditären oder erworbenen Immunmangelerkrankungen beobachtet.
Die Sicherung der Diagnose einer akuten B19-Infektion bzw. einer früher durchgemachten Infektion erfolgt serologisch durch den Nachweis von B19-spezifischen Antikörpern der IgM- und IgG-Klasse. Die Abklärung einer chronischen B19-Infektion ist nur durch den Nachweis von genomischer B19-DNA mittels der PCR möglich, wobei die Viruslasten im Blut mit bis zu 1013/ml extrem hoch sein können.
Das Erythema infectiosum benötigt in der Regel keine Therapie. In manchen Fällen kann eine Fiebersenkung notwendig sein. Bei Juckreiz empfiehlt sich die topische Anwendung von Zinklotion. Eine B19-assoziierte aplastischen Krise bedarf in vielen Fällen, in Abhängigkeit des klinischen Zustandes, der Transfusionen von Erythrozyten-Konzentraten. Bei chronischer B19-Infektion wurde wiederholt über einen guten klinischen Erfolg nach Verabreichung von intravenösem Immunglobulin berichtet.
(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).
© Medizinische Enzyklopädie 2010