18.11.2009 - Humanes Bocavirus als Erreger respiratorischer Infektionen

Identifikation eines neuen Virus durch moderne molekularbiologische Methoden

In den letzten Jahren gelang es immer wieder neue Viren unter Zuhilfenahme der sich rasant entwickelnden molekularbiologischen Nachweismethoden  zu identifizieren. Als Beispiele hiervor sind das Sin-Nombre-Virus oder SARS-Coronavirus zu nennen. Diese Erreger wurden jedoch nicht zufällig entdeckt, sondern jeweils im Rahmen der Abklärung von Epidemien. Insofern galt es zum Beginn der Arbeiten als wahrscheinlich, dass ein nicht bekanntes Virus für den Ausbruch verantwortlich ist.

Man kann sicher sein, dass bis heute nur ein gewisser Anteil von humanpathogenen Viren identifiziert und noch eine Vielzahl von unbekannten Erregern existieren muss. Da sich nicht jedes Virus in Zellkultur, anzüchten lässt, wie z. B. Hepatitis-C-Virus oder humanes Parvovirus B19, ist man bei der Identifizierung neben klassischen Methoden, wie dem Elektronenmikroskop, heute zunehmend auf molekularbiologische Methoden angewiesen.

Mittels neuester Techniken gelang es in den letzten Jahren das humane Genom (Human Genom Projekt) zu sequenzieren und eine Vielzahl von Genen zu identifizieren. Jetzt wurde von der Entwicklung einer Methode, mit deren Hilfe es möglich ist, unbekannte DNA- oder RNA-Viren einfach in Untersuchungsmaterialien zu identifizieren, berichtet.Mit dieser Methode könnte eine systematische Aufarbeitung der noch unbekannten Viren in einem "Humanen Virom-Projekt" möglich sein. Die grundlegende Strategie beruht auf einer Depletion der Wirts-DNA, einer Random-PCR-Amplifikation, Nukleinsäuresequenzierung und der Bioinformatik.

Mit dieser neuen Technik gelang es in gepoolten Serum- bzw. Plasmaproben von Patienten mit Erkrankungen des unteren Respirationstraktes ein bisher nicht bekanntes Parvovirus zu identifizieren, welches inzwischen als humanes Bocavirus bezeichnet wird.

Bisher konnte dieses Virus bei Kindern, die wegen Atemnot und Fieber einer stationären Behandlung bedurften, nachgewiesen werden.Seroepidemiologische Studien, die inzwischen in mehreren Ländern durchgeführt wurden, belegen, dass dieses Virus wohl weltweit vorkommt und daher in die Liste der Erreger von Atemwegsinfektionen aufgenommen werden muss. Erste serologische Testsysteme sowie Erregernachweisverfahren mittels PCR stehen bereits zur Verfügung.


(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg/ Schlußredaktion: Dr. Andreas Nitsche Robert Koch-Institut, Zentrum für Biologische Sicherheit).

© Medizinische Enzyklopädie 2010