11.01.2006 - Vogelgrippe: Panikmache, Mediengetöse oder reelle Gefährdung für den Menschen?

Unterschied beachten zwischen Vogelgrippe und Influenza - Vogelgrippe in Europa

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vorgestern mitgeteilt, dass in der Türkei 10 weitere Fälle einer Infektion mit dem Vogelgrippevirus H5N1 bei Menschen bestätigt wurden, darunter sind drei Patienten aus der Provinz Ankara, außerdem kommen Patienten aus den Provinz Agri und Van im Osten der Türkei sowie aus den Provinzen Kastamonu, Corum und Samsun im zentralen Norden des Landes.

Damit gibt es insgesamt 14 laborbestätigte Vogelgrippe-Infektionen in der Türkei. Die beiden ersten Erkrankten waren zwei 13 und 14 Jahre alte Geschwister, die an der Infektion gestorben sind. Die Bestätigungsuntersuchung der 10 neuen Fälle in einem WHO-Referenzlaboratorium ist im Gang. Die türkischen Behörden haben der WHO mitgeteilt, dass in einem Krankenhaus in Van im Osten der Türkei noch 38 Patienten wegen einer möglichen H5N1-Infektion behandelt werden. Ein internationales Expertenteam ist in die Türkei gereist, um die Situation gemeinsam mit den Behörden vor Ort zu untersuchen.

Erste Untersuchungen haben nach den Angaben der WHO keine Hinweise ergeben, dass das Virus seine Übertragbarkeit erhöht hätte oder von Mensch zu Mensch übertragbar wäre. Nach Einschätzung der WHO weist derzeit alles darauf hin, dass die Betroffenen die Infektion durch engen Kontakt mit Hühnern erworben haben. In der Türkei sind Ausbrüche des (für Geflügel) hochpathogenen H5N1-Virus in verschiedenen Teilen des Landes bestätigt worden.

Vogelgrippe - Verbreitung der Vogel-Grippe Januar 2006 - Deutscher Infografikdienst

Nach Einschätzung der WHO weist derzeit alles darauf hin, dass die Betrofffenen die Infektion durch engen Kontakt mit Hühnern erworben haben. In der Türkei sind bei Geflügel mehrere Ausbrüche des (für Geflügel) hochpathogenen H5N1-Virus bestätigt worden. Ein internationales Expertenteam ist in die Türkei gereist, um die Situation gemeinsam mit den Behörden vor Ort zu untersuchen.Die Risikoeinschätzung für die Entstehung eines neuen Influenzavirus, das eine Pandemie auslösen kann, ändert sich durch das aktuelle Geschehen nicht. Dies wäre nur der Fall, wenn der Erreger die Fähigkeit erlangt, sich effizient von Mensch zu Mensch auszubreiten.

In der Mediendiskussion wird dabei oftmals nur wenig zwischen der Vogelgrippe, die für den Menschen nur geringgradig pathogen ist, und der Möglichkeit einer genetischen Rekombination zwischen dem Vogelgrippevirus und dem menschlichen Grippevirus, durch die ein hochpathogenes, pandemischen Influenzavirus entstehen kann,  unterschieden.

Verantwortlich für die Ausbreitung der Vogelgrippe Richtung Europa sind die Vogelzüge. Dass Vögel das Vogelgrippe-Virus - erwähnenswert ist hierbei, dass durch Vogelzüge auch andere Viren, wie zum Beispiel West-Nil-, Sindbis-, hämorrhagisches Krim-Kongo-Fieber-Virus verbreitet werden-, auf ihren Flugrouten mitnehmen, ist jedoch sicher keine neue Erkenntnis.

Auch der Handel mit Vögeln, insbesondere Hühnern, dürfte sicherlich eine gewisse Bedeutung für die Weiterverbreitung des Virus haben, wobei dies vermutlich eher ein lokal begrenztes Problem sein dürfte. Als wichtigste Maßnahme bei der Bekämpfung der Weiterverbreitung des Virus ist daher das Keulen infizierter Tierbestände anzusehen.

In Anbetracht des Ausmaßes des Ausbruches der Vogelgrippe in den Hühnerbeständen Asiens und der zeitgleichen Zirkulation des humanen Influenza-Virus in der Population, ist es jedoch erstaunlich, dass bislang noch kein reassortiertes Virus entstanden ist. Eine der möglichen Erklärungen ist, dass diese Rekombination bereits aufgetreten ist, und die "neuen" Influenzatypen entweder nicht überlebensfähig waren oder weniger pathogen sind.

Auch besteht durchaus die Möglichkeit, dass diese Virustypen nicht den Menschen, sondern andere Tierspezies pathogen sind oder werden. Trotzdem gilt es weiterhin durch eine globale Surveillance auf das Auftreten eines pandemischen Influenza-Virus zu achten. Wann und ob dieses pandemische Virus kommen wird, lässt sich derzeit nicht sicher prognostizieren? Durch die Erarbeitung eines Nationalen Pandemieplanes sind zumindest die theoretischen Maßnahmen im Fallen eines Ausbruches bereits durchdacht worden.

Als drohendes Schreckensszenario für eine Influenza-Pandemie wird der Ausbruch der Spanischen Grippe 1918/19 aufgeführt, an der nach Schätzungen 50 bis 100 Millionen Menschen verstorben sind. Es ist jedoch unter heutigen Gesichtspunkten wenig sinnvoll, die jetzigen epidemiologischen Voraussetzungen mit denen der Zeit am Ende des I. Weltkriegs zu vergleichen. Wichtig ist hierbei, dass unsere Erkenntnisse zur den epidemiologischen Zusammenhängen der Infektion erheblich  besser sind als früher.

Auch die Verfügbarkeit von antiviralen Substanzen ist bei der Eindämmung einer Pandemie von entscheidender Bedeutung. Die älteren M2-Inhibitoren Amantadin und Rimantadin, zwei kostengünstige und lange haltbare Medikamente, sind seit langem in der Therapie der Influenza etabliert. Allerdings besteht bei beiden die Gefahr einer Resistenzentwicklung.
 
Zum anderen lassen neuere Untersuchungen vermuten, dass beide Substanzen gegen H5N1 resistent sind. Erheblich besser sind zur Kontrolle einer Pandemie dagegen die neuen Neuraminidase-Inhibitoren, Oseltamivir und Zanamivir, geeignet. Diese Substanzen sind erheblich teuerer. Um eine rasche nationale Response auf eine Pandemie zu ermöglichen, bedarf es daher einer entsprechenden behördlich organisierten Bevorratung.

Vogelgrippe - Vogel-Grippe (Infografik: mediXtra)

In aktuellen Publikationen in den renommierten Fachjournalen Science und Nature wurde mit mathematischen Modellrechnungen belegt, dass sich durch ein Prävention mit Neuraminidase-Inhibitoren eine beginnende Influenza-Pandemie auch ohne die Verfügbarkeit eines Impfstoffs innerhalb weniger Wochen eindämmen lässt.

Entscheidend für die Ausbreitung des Virus ist dabei die basale Reproduktionsrate des Virus, d. h. die Zahl der Personen, die von einem infizierten Menschen angesteckt werden. Wenngleich die basale Reproduktionsrate bei einer pandemischen Influenza eine unbekannte Größe darstellt, kann man davon ausgehen, dass diese durch den flächendeckenden Einsatz von Neuraminidase-Hemmern in einer Größenordnung von 1,8 liegen dürfte.

Meldungen aus den USA, dass die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Influenza H5N1 bereits weit fortgeschritten ist, sollten nicht überbewertet werden. Erfahrungsgemäß dürfte bis zur Marktreife des Impfstoffs noch einige Zeit vergehen. Auch ist hierbei zu berücksichtigen, dass eine entsprechend hohe Zahl von Dosen hergestellt werden muss. Bei den ersten Anzeichen einer Pandemie müsste dann idealerweise flächendeckend mit Impfkampagnen begonnen werden.

Besten Schutz vor einer Infektion mit Grippeviren bietet die Impfung auch für Kinder. Da im Impfstoff die Komponente H1N1 enthalten ist, könnte zumindest eine Teilimmunität auch gegen den Erreger der Vogelgrippe (H5N1) erzielt werden.(Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Gelbfieber-Impfstelle, Facharzt für Labormedizin, Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg).


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