Durch die in den USA aufgetretenen Todesfälle in Folge der Übertragung von Organen eines an mit dem lymphozytären Choriomeningitisvirus (LCMV)-infizierten Organspenders, ist eine Infektion in das Interesse der Medien gerückt, die bislang nur wenig bekannt war. Wir befragten hierzu den Würzburger Mikrobiologen, Prof. Dr. Tino F. Schwarz, Zentrallabor des Krankenhauses der Stiftung Juliusspital:
Handelt es sich bei den LCMV-Infektionen im Rahmen von Organtransplantationen um Ereignisse, mit denen zukünftig häufiger zu rechnen ist?
Die LCMV-Infektion kommt auch in Deutschland endemisch vor. Allerdings stützt sich diese Aussage auf Untersuchungen aus den späten 1960er Jahren. Aufgrund von kasuistischen Beobachtungen ist jedoch davon auszugehen, dass diese Infektion auch in Deutschland weiterhin vorkommt. Insofern besteht auch in Deutschland die, wenn auch sehr seltene, doch theoretische Möglichkeit, dass sich ein Organspender zum Zeitpunkt der Organentnahme im virämischen Stadium der Infektion befindet. Eine Testung der Organspender vor der Entnahme der Organe ist jedoch aus verschiedensten Gründen sicherlich nicht gerechtfertigt.
30.08.2006 - Feldmäuse, Hamster, Meerschweinchen: Potentielle Überträger des LCMV-Virus
Interview zum Thema Lymphozytäres Choriomeningitisvirus: Keine Nagetiere als Haustiere in der Schwangerschaft ohne tierärztliche Undenklichkeitsbescheinigung
Die LCMV-Infektion wird durch direkten Kontakt zu Nagern (Feldmäuse, Hamster, Meerschweinchen) bzw. deren Exkremente übertragen. Wie lässt sich eine Infektion grundsätzlich vermeiden?
In den USA werden derzeit diverse Präventionsmaßnahmen diskutiert, wie eine LCMV-Infektion verhindert werden kann. Dazu gehören u.a. das Tragen von Mundschutz beim Ausmisten des Stalles sowie die Desinfektion der Hände und des Tierstalles. Diese Maßnahmen sind sicherlich nützlich, um im Einzelfall bei einmaligem Kontakt eine Übertragung zu verhindern. Da das Virus bei den Tieren jedoch persistiert und zeitlebens ausgeschieden wird, müssten diese Vorsichtsmaßnahmen konsequent und dauerhaft durchgeführt werden. Gerade bei Kindern dürfte es jedoch erfahrungsgemäß schwierig sein, diese Maßnahmen konsequent zu fordern.
Kann man beim Kauf eines Hamsters oder Meerschweinchens in einer Zoohandlung sicher sein, dass diese Tiere nicht mit LCMV infiziert sind?
Nagetiere, die für Forschungslabors gezüchtet werden, sind auf LCMV getestet und sollten daher nicht infiziert sein. Anders ist dies bei Tieren für den "freien" bzw. privaten Markt. Hier kann es durchaus möglich sein, dass Tiere mit LCMV infiziert sind. Ein generelles Verkaufsverbot für LCMV-infizierte Nagetiere besteht in Deutschland nicht. Als besonderes Problem gilt insbesondere die Übertragung des Virus zwischen den verschiedenen Tierspezies. In den meisten Fällen sind die Tiere klinisch unauffällig. Ist ein Tierbestand infiziert, wird das Virus auch vertikal, d. h. vom trächtigen Muttertier auf den Fetus bzw. das Neugeborene übertragen.
Die LCMV-Infektion kann in der Schwangerschaft zu schwersten Schädigungen beim Fetus führen. Was raten Sie daher Frauen mit Kinderwunsch bzw. Schwangeren, in deren Haushalt sich potenziell mit LCMV-infizierte Nagetiere (zum Beispiel als Spielgefährte eines Kindes) befinden?
Vor einer "Neuanschaffung" dieser Nagetiere muss grundsätzlich abgeraten werden, sofern die Zoohandlung keine tierärztliche Undenklichkeitsbescheinigung (zum Beispiel Virusnachweis mittels Nukleinsäureamplifikationsmethode) für den Nagetierbestand vorweisen kann. Auch muss ärztlicherseits vor der Haltung von Nagetieren bei Kinderwunsch bzw. in der Schwangerschaft abgeraten werden.
Bei welchen Symptomen sollte vom Hausarzt an eine LCMV-Infektion gedacht werden?
Wichtig ist hierbei anamnestisch zunächst einen Kontakt zu Nagetieren zu erfragen. Sofern es sich um einen klinisch symptomatischen Verlauf handelt, bestehen in der Regel Fieber, Myalgien und Kopfschmerzen. In weiteren Verlauf treten dann eine Meningitis, Hepatitis wie auch eine Chorioretinitis hinzu.
© Medizinische Enzyklopädie 2010